Auseinandersetzen und zusammenkommen!

Die Dimension der anstehenden Veränderungen, die Clubs, Vereine und Regionalverbände in Deutschland und der Schweiz durch die anhaltenden Mitgliederverluste treffen werden, ist bei den allermeisten Verantwortlichen offenkundig noch nicht angekommen. Und gleichzeitig gibt es viele Baustellen und ein riesiges Kompetenzproblem in unserer Sportart. Debatten, sachliche, aber kontrovers geführte Diskussionen und Auseinandersetzungen finden nicht statt, ausschließlich Konsens ist legitimiert. Das ist ein Fehler. Denn ohne Auseinandersetzungen in der Sache gibt es keinen Fortschritt. Und der ist dringender denn je in unserer Sportart gefragt.


Essay von Thomas Dick, Hamburg

 

Inzwischen sollten alle Verantwortlichen in Clubs, Vereinen, Regional- und Nationalverbänden erkannt haben, dass der große und ungebremste Mitgliederverlust im deutschsprachigen Tischtennissports nichts Vorübergehendes ist - also so etwas wie ein Schnupfen, … der irgendwann wieder verschwindet. „Sollten …“…

Die Mitgliederentwicklung ist das Barometer unserer Sportart und kann zuverlässig jetzt genau seit 30 Jahren gemessen werden. Und der Absturz – zumindest in Deutschland – ist ungebremst! Er spricht eine mehr als deutliche Sprache und hat eine „stolze Bilanz“ für diesen Zeitraum aufzuweisen: minus 340.000 Mitglieder; pro Kalenderjahr im Schnitt also etwa 11.300 Spielerinnen und Spieler in Deutschland, die unserem Sport den Rücken kehren. Punkt. Und bei unseren Nachbarn, den Eidgenossen in der Schweiz, spielen überhaupt nur noch halb so viele Menschen in einem Club, wie in Deutschland jährlich verschwinden (!)… Und dies in einer der selbsternannten „Top-3-Freizeit- und Volkssportarten“ und bei steigendem Alter unserer Bevölkerung … und damit scheinbar ohne „Life-time-Effekt“.

Irgendetwas scheint also nicht in Ordnung zu sein und gewaltig schief zu laufen.

Es scheint offensichtlich, dass weder ein Großteil der Regionalverbände noch die Ihnen angeschlossenen Clubs und Vereine in ihrer deutlichen Mehrheit begriffen haben, wie existenziell der Mitgliederverlust alle (!) betrifft und künftig betreffen wird. Viele Clubs und Vereine begegnen der Forderung und Herausforderung des gemeinsamen Handelns, um dies aufzuhalten, mit Unverständnis und Hilflosigkeit. Die Entfremdung zwischen Tischtennis-Clubs und -Abteilungen und dem „Volks- und Freizeitsport“ Tischtennis sowie oftmals auch dem eigenen Regionalverband gegenüber ist gravierend - und wird sich weiter vertiefen, solange ausschließlich Eigeninteressen vertreten werden und die Trendumkehr des Mitgliederverlustes als Nebensache gilt oder gar nicht erst ernst genommen wird.

Wie hat der deutsche Tischtennissport es geschafft, in 30 Jahren 340.000 Mitglieder zu verlieren? Ist das die Lebenswirklichkeit oder eine Illusion?

Alle sollten vor allem ein Anliegen haben: den Mitgliederrückgang so schnell wie möglich an- und aufzuhalten. An den Reaktionen vieler Vereine, Clubs und Regionalverbände lässt sich ablesen, dass diese offenbar kein Sensorium dafür haben, wie existenziell sich dieser Mitgliederrückgang auf die Existenz, auf den Wettkampfbetrieb, die Motivation in Vereinen und Clubs und das Image unserer Sportart auswirkt. Die Entfremdung zwischen Tischtennisinteressierten und den Verantwortlichen in Clubs und Vereinen ist gravierend, die Einsicht in die Dringlichkeit fehlt.

Mir ist es zu wenig anzuerkennen, was uns die Verhaltensökonomie schon lange lehrt:

Der Mensch, das Gewohnheitstier sucht immer erst mal Argumente, warum er sich nicht ändern muss.

 

Dies soll der Ausgangsgedanke meiner Überlegungen werden.

Diese Tatsache des o.g. Mitgliederverlustes wird in beiden Ländern (Deutschland, Schweiz) – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – voraussichtlich früher als später die Komfortzone aller Clubs, Vereine und Verbände treffen … die oft anzutreffende selbstgefällige Bequemlichkeit, den mauen Geldbeutel und die vielfach vorgetäuschte Fachkompetenz. Nicht zuletzt auch die dahinlahmende Motivation! Und dann beginnt in aller Regel – natürlich „plötzlich“ – die Existenzfrage. Oder auch nicht, denn eine überraschend hohe Anzahl an Clubs und Vereinen hat noch nicht einmal verstanden und registriert, dass ihr baldiges Ende naht – rein physiologisch und unabhängig von der gestiegenen Stresspegeln und narzisstischen Entwicklungen unserer Gesellschaft, die es schwieriger machen, Menschen für eine „uncoole“ Sportart in Vereinen zu gewinnen. Und das sowohl als Sportler als auch noch zumeist als ehrenamtlich Unterstützende.
Es herrscht stattdessen immer noch ein völlig falsches Verständnis von der Wichtigkeit der Dinge, die man mit „qualifizierter und kompetenter Führung in Clubs, Vereinen und Regionalverbänden“ umschreiben würde und die momentan vor allem nachfolgende wichtige Bereiche berühren:

  • Training und Organisation des Tischtennis-Sportes in Clubs, Vereinen und Regionalverbänden (Wer sind die handelnden Personen, wie wirken sie in ihrer Sozial- und Fachkompetenz?)
  • Notwendigkeit zu Kooperation(en) und Zusammenarbeit in Clubs, Vereinen und Regionalverbänden untereinander, z.B. zwischen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Strukturen, um voneinander zu lernen und sich weiterentwickeln zu können (Wer initiiert diese Zusammenarbeit, wer wird initiativ, wer ist kooperativ?)
  • Akzeptanz, Annahme und Nutzen der Digitalisierung und ihrer Möglichkeiten (Wer schult die Verantwortlichen in Clubs und Vereinen und bereitet sie auf eine digitale Zukunft vor?)

Festgehalten und geklammert wird vielerorts noch immer an veraltetem Denken und damit an veralteten Strukturen, beratungsresistenten oder konservativen „Alt-Mitgliedern“, die im Jahr 2019 kaum bis keinen Mut zur Modernisierung von Clubs oder Vereinen zeigen. In Deutschland und der Schweiz stehen oft genug viele Verantwortliche einer Entwicklung im Weg, die wichtig ist, um nicht nur den weiterhin zu erwartenden Mitgliederverlust aufzuhalten, sondern sich auch für die Zukunft aufzustellen und viele Neumitglieder für diese Sportart zu gewinnen:

  • der Offenheit für Neues
  • der Offenheit für Unbekanntes
  • der Offenheit für Unangepasstes
  • der Offenheit für Kreatives
  • der Offenheit für Motivierendes

Man hört oft: „Wieso? Es ist doch alles in Ordnung …!?“. Aber … ist wirklich alles in Ordnung?

Unsere und meine Erfahrungen aus nun 25 Jahren professioneller Trainings- und Bildungsarbeit im deutschsprachigen Tischtennis zeigen deutliche und nicht mehr wegzudiskutierende Struktur- und Kompetenzprobleme; in beiden Ländern. Ein Altersdurchschnitt von 60 Jahren im Mitgliederbereich in einem Club oder Verein ist schon lange nicht mehr die Ausnahme … ein Abteilungsleiter oder Präsident, der mehr als 15 Jahre im „Amt“ ist, auch nicht mehr. Und obwohl unsere Sportart als einige der wenigen Sportarten eine „Life-time-Sportart“ ist, obwohl die Bevölkerungszahlen in Deutschland und der Schweiz seit einigen Jahren steigen, obwohl uns in anderen Randsportarten erfolgreich vorgemacht wird, wie es gehen könnte, schaffen wir es, Jahr für Jahr, mehr und mehr Mitglieder zu verlieren.

In welchen Bereichen im Tischtennisport wären also Auseinandersetzungen über den Status Quo zu führen?

Nach meiner Meinung würde dies vor allem sechs Bereiche betreffen, die im Tischtennissport bislang stiefmütterlich oder als Tabu-Themen behandelt wurden und genau deshalb so wichtig sind:

  1. Das Anerkennen der Notwendigkeit deutschsprachiger Debattenkultur - oder genauer gesagt: deren Abwesenheit!
  2. Das Anerkennen, dass Tischtennis noch immer eine männlich dominierte und damit noch immer „durchsetzungsorientierte“ Sportart ist, die es Mädchen und Frauen bedeutet schwieriger macht, den Zugang zu finden!
  3. Den Stellenwert, die Einsatzbereiche und die damit verbundene Notwendigkeit einer angemessenen Bezahlung von qualifizierten Trainer(innen) sowie eine Diskussion über den Wert und die Bildungskultur unserer Sportart
  4. Die Notwendigkeit der aktiven Kooperation zwischen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Strukturen im Trainings- und Organisationsbereich von Clubs und Vereinen
  5. Das Eindämmen und Beenden der nicht vorhandenen Regelkenntnis der meisten Tischtennisspieler(innen) und Verantwortlichen durch massive Präsenz der bisher fehlenden oder deutlich unzureichenden Judikative bei Wettkämpfen
  6. Eine Diskussion über dringend erforderliche moderne Strukturen in Clubs, Vereinen und Verbänden sowie den Status des Ehrenamtes

Es sind also Zweifel angebracht … denn relativ wenig ist tatsächlich in Ordnung … mit einigen Ausnahmen. Der Hochleistungsbereich und eine professionelle 1. Bundesliga und die Talentförderung in einigen wenigen renommierten Regionalverbänden sowie im Nationalverband - in Deutschland – sind weitestgehend in Ordnung. Die Schweiz verzeichnet jedoch schon lange keinen professionell organisierten und bezahlten Hochleistungsbereich (Clubs, Trainer) mehr im Bereich der besten Ligen der Damen und Herren und hat damit einen bedeutenden Nachteil in der Entwicklung Ihrer besten Spielerinnen und Spieler.

Ich möchte nur ein paar Gedanken zu den von mir eben genannten sechs Schwerpunkten einbringen; eine ausführliche Betrachtung und Diskussion würde noch viele weitere Aspekte ans Tageslicht befördern:

1. Das Anerkennen der Notwendigkeit deutschsprachiger Debattenkultur - oder genauer gesagt: deren Abwesenheit!

Es ist immer die Frage, ob in einer großen Gemeinschaft Probleme erkannt und diskutiert werden (können/dürfen/sollen) und ob es eine „einladende Atmosphäre“ dazu gibt oder ob man das Ganze dann lieber dem „weiter so wie bisher“ opfert … weil man ja dann eben nichts „Falsches“ tun kann und auch keine Rechtfertigungen liefern muss. In beiden Ländern, Deutschland und der Schweiz, aus denen ich meine Erfahrungen rekrutiere, werden häufig wichtige Probleme zwar erkannt, aber nicht oder nur unzureichend angesprochen, um sie danach gemeinschaftlich zu diskutieren. Eigentlich sind unsere Schweizer Nachbarn im „leidenschaftlichen Diskutieren“ gleich weit wie ihre deutschen Nachbarn. Sie zeichnet sogar eine größere Offenheit für neue Ideen aus. Dennoch ist die Stimmung auch dort eher defätistisch. Woran liegt das?

Problembereiche, wenn sie angesprochen werden, werden oft in beiden Ländern zerredet und führen kaum zu „lösenden Ergebnissen“, weil Debatten im Kern bereits durch laute und dominante „Interessensvertreter“ und ihre zumeist vorgetragene Voreingenommenheit und Vorverurteilung unterdrückt werden. Grundsätzlich ist es bequemer, einer Diskussion in der Sache darüber, die oft auch mit ehrenamtlicher Arbeit, den „unausgesprochenen Erwartungen“ und ihrer Effektivität oder Ideen diesbezüglich zu tun hat, aus dem Weg zu gehen. Die allgemeingültige These „Verändere nichts, dann wird sich auch nichts verändern!“ wird dabei überhaupt nicht diskutiert; es dreht sich häufig nur um den eigenen Gedankenkosmos. Dabei ist die Allgemeingültigkeit dieser These ebenfalls in Frage zu ziehen … denn auch wenn ich nichts verändere, wird sich dennoch etwas verändern: mein Verein oder Club wird verschwinden …! Das ist sicher, denn das einzig sichere in unserer Welt ist der Wandel. Und wer sich nicht mitwandelt und anpasst, wird verschwinden …

Nun, was geschieht, wenn der Status Quo und seine „Effektivität“ in Frage gestellt werden, sachliche Kritik geäußert und eine Debatte mit einem zukunftsorientierten Kompromiss erwartet wird? Insbesondere in Deutschland wird diesbezüglich und darüber hinaus das vielerorts „beliebte“ und bekannte „Netzbeschmutzer-Prinzip“ angewendet: Bei noch so konstruktiver und diplomatischer Kritik wird grundsätzlich auf den Überbringer schlechter Nachrichten draufgehauen, er wird geächtet oder mit „schlecht gelaunter Nachrede“ überzogen. Dankbarkeit, die Nachricht überhaupt überbracht und bewusst gemacht zu haben: Fehlanzeige! Dabei wäre dies der Nachweis, dass man in verantwortlicher Position dann konstruktiv damit weiterarbeiten und auch Sozialkompetenz beweisen kann, um damit zum gemeinsamen Dialog und Veränderungsaktionen aufzurufen. Hier haben sich (leider) häufig Verhältnisse und Parallelwelten etabliert, die auch zwischenzeitlich demokratische Grundmuster in der Organisation unserer Sportart gefährden – in dem eben keine Kontrolle mehr stattfindet und auch satzungsgemäße Aufgaben in Vereinen, Clubs und Verbänden nicht mehr wahrgenommen werden – ohne das dies Konsequenzen nach sich ziehen würde. Man kontrolliert sich ja schließlich selbst.

Bedauerlicherweise ist dies z.T. menschlich in einer Leistungsgesellschaft. Aber müssen wirklich die Ellbogen draußen sein, um seine eigenen Interessen in unserer Sportart durchzusetzen oder sollten nicht alle schauen, dass es künftig allen und jedem, jedem Verein, jedem Trainer, jeder Trainerin, jeder Spielerin und jedem Spieler im Sinne der Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des eigenen Umfeldes in unserer Sportart gut und besser geht?

Bislang ist es einfach nicht nur schade, sondern auch kontraproduktiv, dass es in unserer Sportart als „Randsportart“ kaum lebhafte und im Sinne des Sportes dringend zu führende Diskussion darüber benötigt, wie die Mitgliederentwicklung und das Image unserer Sportart gesehen wird? Stattdessen nur emotionsgeladene Debatten darüber, wie Wettspielordnungen so verändert werden können, dass es möglichst allen gerecht gemacht werden kann … Was ist die Meinung von Tischtennis-Spielerinnen und -spielern? Von Trainerinnen und Trainern? Nehmen wir sie ernst? Und … wie könnten Lösungen aussehen?

Wer in Deutschland auf Missstände hinweist, Kooperationsangebote und (wenn auch manchmal radikale) Lösungen anbietet, gilt sofort als Spinner, als unvernünftiger Idealist, den man nicht ernst nehmen muss. Oder man denkt sich andere Vorurteile oder Methoden aus, um Andersdenkende auszugrenzen, auch Neid spielt immer wieder eine große Rolle. Dabei ist die Meinungsverschiedenheit unheimlich wichtig – nicht zuletzt, um Kompromisse zu erzielen, die eine positive Entwicklung generieren können.

Dies hier ist kein Artikel über Mut zur Auseinandersetzung im Sinne der Sache, sondern über die Notwendigkeit deutscher und deutschsprachiger Debattenkultur - oder genauer gesagt: deren Abwesenheit. Wir müssen lernen zu streiten. Konstruktiv und fair zu streiten. Denn wenn – bisher – einmal gestritten wurde, wurde dies fast ausschließlich über Fakten getan. Das muss einfach immer und immer wieder scheitern. Echter Streit ist nur möglich, wenn es um die Bewertung der Wahrheit geht, nicht ums Erfinden von Wahrheiten (wie z.B. „Roßkopf und Fetzner haben 1989 einen Boom in Deutschland ausgelöst, es gab 80.000 Neuanmeldungen in Vereinen!“). Das Gegenteil ist der Fall und wird durch die offiziellen Zahlen des DOSB belegt …

Die Debatte um die Bewertung der Wahrheit ist Kern der Demokratie und Demokratie ist nicht Konsens, sondern die Suche nach dem Konsens. Konsens ist nur eine Antwort, wenn vorher eine Frage diskutiert wurde. Auch im deutschsprachigen Tischtennis fordert man von vornherein, dass nur Konsensfähiges gesagt wird bzw. abgenickt wird. Das bremst den Fortschritt aus, und dies bedeutet, dass etwas passiert, das bislang eben nicht Konsens ist. Das nenne ich Phlegma.

Es gibt eben nicht nur eine Lösung für Probleme (weil alle anderen zu radikal wären) … Diskussionen im Tischtennis, die vor der alternativlosen Lösung stehen, sind nichts als Show. Wenn die sportpolitische Debatte alternativlos wird, wissen wir irgendwann nicht mehr, was alles möglich wäre und wer wir (als Sportart) sein könnten. Dann gibt es uns jemand vor. Entweder durch eine gelebte Alternativlosigkeit. Oder, weit schlimmer, durch eine Sportpolitik des Durchregierens und am Ende einer Politik der Allmacht, wie sie gebündelt bei immer und immer den gleichen Funktionsträgern zu finden ist. Um neuen Ideen und Visionen Platz zu machen, ist das die denkbar schlechteste Variante. Manchmal denke ich bei Jahreshauptversammlungen von Vereinen oder Verbänden dabei an den Soziologen Colin Crouch, der einst sagte: „Du kannst zwar wählen, aber du hast keine Wahl!"

Ehrungen im Tischtennis

Mir bleibt immer das Gefühl, dass es vielen (zu vielen) Funktionsträgern nicht wirklich um etwas geht, das man mit Veränderung, möglicherweise radikaler Veränderung bezeichnen könnte. Echter Diskurs fehlt! Stattdessen „Verwaltung“, denn man liest zu Jahreshauptversammlungen von Verbänden, Clubs und Vereinen immer öfter: „Der Versammlungsleiter schloss die ausgesprochen harmonische Veranstaltung, die nur 1 Stunde und 50 Minuten dauerte und bedankte sich bei allen Anwesenden für ihre konstruktive Mitarbeit.“

Wo sind die Menschen, die etwas Kontroverses sagen? Und wo sind die Funktionsträger, die diese Kritik nicht nur aushalten können, sondern auch etwas damit anfangen? Was wir aber auf Kritik, diplomatische Hinweise und Kooperationsangebote oder Vorschläge erleben – wenn sie denn einmal geäußert werden – ist leider keine Sachkritik, auf die man mit Argumenten antworten könnte. Der Tonfall, in dem die Inhalte abgebügelt und Menschen abgewatscht werden, die sich um Alternativ-Konzepte und -Ideen bemühen, kann abschrecken, sich mit kontroversen Ideen an Debatten zu beteiligen. Oder schrecken wirklich interessierte und kompetente Menschen ab in die sportpolitische Verantwortung zu gehen, um in Clubs, Vereinen und Verbänden Führungspositionen anzustreben. Es lässt die Zahl der Stimmen, die mitreden, schrumpfen. Empörung und Verächtlichkeit ersetzen echte Diskussion … und zerstören auch in meinen Augen Motivation.

Eine Studie zeigt, dass Meinungspluralität der gesellschaftlichen Balance hilft. Forscher der University of Chicago haben mehr als 200.000 Wikipedia-Seiten ausgewertet und festgestellt, dass Artikel zu kontroversen Themen, an denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen gearbeitet haben, besser sind als Artikel, die von moderaten oder einseitigen Teams bearbeitet wurden. Eine schärfere Debatte führt zu ausgewogeneren Einträgen im Online-Lexikon. "Wenn wir politisch unterschiedlich sind, bringen wir verschiedene Perspektiven ein", sagt Studienautor James Evans. "Wenn wir zusammenarbeiten, schaffen wir eine ausgeglichenere Gesamtperspektive."

Unterschiedliche Ansichten sind wichtig. Aber wo gibt es heute in Deutschland oder der Schweiz Raum für Debatten im Tischtennis? In Bundesversammlungen oder Generalversammlungen? In Jahreshauptversammlungen und Gremiensitzungen? Verbände, Clubs und Vereine - alle verlieren Mitglieder und Relevanz, man selbst dreht sich aber oftmals um sich selbst. Stattdessen suchen sich die Menschen neue Plattformen, auf denen sie ihre Meinungen kundtun: soziale Medien, Foren im Internet. Dort kann man zwar alles sagen, aber wird von der breiten Masse nicht gehört. Es diskutieren nur die miteinander, die oft sowieso der gleichen Ansicht sind. Das ist kein Diskurs, sondern das Gegenteil: Selbstversicherung. Hier verpuffen Ideen und alles bleibt beim Alten …

Im analogen Leben ist es nicht anders: Ohne Institutionen, die unterschiedliche Menschen zusammenbringen, bleibt man unter sich. Dann verabreden sich die gleichen Leute zum Training, man spielt gegen immer die gleichen Gegner, man geht danach in die gleiche Kneipe und ist sich einig, dass der eigene Landesverband gar nicht geht. Und es ändert sich: nichts!


2. Das Anerkennen, dass Tischtennis noch immer eine männlich dominierte und damit noch immer „durchsetzungsorientierte“ Sportart ist, die es Mädchen und Frauen bedeutet schwieriger macht, den Zugang zu finden!

Auch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen, so ist die Regel, dass Tischtennis noch immer eine von Männern dominierte Sportart ist. Hierzu genügt ein Blick in die Hallen in Deutschland und der Schweiz und auch in die Mitgliederstatistik. Warum dies so ist, würde im Kern der Analyse hier zu weit führen. Auch unsere Sportart bleibt letztlich nicht vom gesamtgesellschaftlichen Rollenverständnis, dass es gibt, nicht verschont. Deshalb beschränke ich mich darauf festzustellen, dass es in der Regel nicht die Regel ist, dass koedukativ trainiert und gespielt wird. Das für Mädchen und Frauen so wichtige Verständnis im gegenseitigen Umgang miteinander spiegelt i.d.R. noch nicht die Beachtung der Besonderheiten wider, die erforderlich wären, um mehr Mädchen und Frauen für unsere Sportart zu gewinnen:

  • Männliche Rücksichtnahme und ausgewogen (gleichberechtigt) wahrnehmbares Verhalten in Training und Wettkampf
  • Grundsätzliche Rücksichtnahme auf die zumeist andersartigen Motive von Mädchen und Frauen, zum Tischtennis zu kommen und dort zu bleiben (Stichwort: soziale Aspekte)
  • Rücksichtnahme auf die weniger ausgeprägte körperliche Belastbarkeit
  • Rücksichtnahme auf die den Wettkampfbelastungen scheinbar impulsiver und heftiger ausfallenden Reaktionen
  • Verständnis in der Trainingsarbeit für das evolotionsbiologische „Sicherheits-Gen“ (gegenüber dem „Risiko-Gen“ des Mannes)… mit direkten Auswirkungen auf die generelle Wettkampfeinstellung in einer Sportart, in der es kein Unentschieden gibt
  • Verständnis für den dadurch oftmals geringeren Kampfgeist, Siegeswille und grundsätzliche Wettkampfbereitschaft
  • Rücksichtnahme auf Eigenschaften wie gefühlsbetont, weich, empfindlich, ungeduldig und nervös, selbstunsicher, weniger selbstständig und sehr oft geringeres Selbstvertrauen
  • Wissen darum, dass Mädchen und Frauen ihre Aggressionen oft in verbalen Attacken, nicht in körperlicher Aggressivität äußern
  • Wissen darum, dass Mädchen und Frauen bei ihrer psychischen Stabilität oft trainingsabhängig sind und häufiger Stimmungsschwankungen als Jungen und Männer haben
  • Wissen darum, dass Mädchen und Frauen i.d.R. einen Trainer/Betreuer wünschen und in Training und Wettkampf viel stärker auf diesen fixiert sind
  • … und das Wissen darum, dass Mädchen und Frauen im Training i.d.R. ausdauernder, eifriger und gewissenhafter als Jungs und Männer sind und damit schlussendlich anders und schwieriger als Jungen und Männer zu „handeln“.

 


3. Den Stellenwert, die Einsatzbereiche und die damit verbundene Notwendigkeit einer angemessenen Bezahlung von qualifizierten Trainer(innen) sowie eine Diskussion über die Bildungskultur in unserer Sportart

Es fehlt z.B. das Verständnis, dass man in einem Spitzenverband mit seinen Regionalverbänden, Clubs und Vereinen in ausreichend Personal, in ausreichend gutes bis sehr gutes Personal (!) und vor allem in die Basis investieren muss, bevor man in etwas anderes investiert. Mit Investitionen meine ich Investitionen und keine Implementierung von systemkonformen Belohnungs- oder Anreizsystemen, die a) Ehrenamtliche oft an ihre Belastungsgrenze bringen und b) nur bei „Erfolg“ Aussicht auf Mittel (Mitgliedschaftsbeiträge) bieten. Und dass diese Investitionen an die Basis gehören, in die kleinen und mittleren Vereine … an Jugendtrainer(innen), die die wichtigste und schwierigste Arbeit überhaupt in unserem Sport leisten. Die Anerkennung und Akzeptanz des Wertes dieser Arbeit ist – zumindest in Deutschland – noch immer unterirdisch.

An die Basis, in kleine und große Vereine, gehören die am besten ausgebildeten und engagiertesten Trainer(innen). Wo sind die A-Lizenz- und Diplomtrainer(innen), die zwar für den Hochleistungsbereich ausgebildet werden, in Deutschland aber kaum voll hauptberufliche Jobs im Hochleistungsbereich in Aussicht haben? Warum gehen diese Kolleginnen und Kollegen nicht an die Basis arbeiten und bilden die Kinder aus, die dann später in Deutschland (oder auch die Schweiz) die Förderung repräsentieren? Und wo bleibt und wie ist entsprechend Ihres Know-Hows und Ihrer Qualifikation die Bezahlung der Kolleginnen und Kollegen, wenn sie ihren Job an der Basis verrichten? Wie ist ihr Stellenwert, ihre Akzeptanz? Werden sie auch – wie das heute noch immer in Deutschland der Fall ist – als „kommerzielle Trainer(innen)“ unter der Hand beschimpft, die ja nur Geld mit Tischtennis verdienen wollen? Wo sind – im Gegenzug – die C- und B-Lizenz-Trainer(innen), die nach Ihrer Ausbildung zunächst einmal n i c h t in ihrem eigenen Umfeld tätig werden, damit sie als Erstes neue weiterentwicklungsfördernde Erfahrungen machen können (z.B. in anderen Vereinen oder Stützpunkt-Trainings) und damit bei erfahrenen und hochqualifizierten Trainer(innen) an der Basis zunächst einmal hospitieren, um zu lernen, wie es „von der Pike auf richtig funktioniert“? Warum werden nicht die richtigen Rückschlüsse daraus gezogen, dass nach einer C-Trainer-Ausbildung der Status des „Trainers“ nur auf dem Papier existiert und viele ausgebildete C-Lizenz-Trainer(innen) in der Praxis erst zu Trainern werden, derzeit aber nach 2-4 Jahren wieder mit ihrer Arbeit aufhören?
Fragen über Fragen …

Hier sollte ein komplettes Umdenken stattfinden. In den unteren Bereichen der Nachwuchsarbeit ist es elementar wichtig, qualifizierte Trainer(innen) zu haben. Da sollten die Bedingungen seitens der Regionalverbände und im Denken der Vereins- und Clubverantwortlichen sich verändern, indem da auch einem Trainer/einer Trainerin ermöglicht wird, diese Arbeit als Ganztags- oder Vollzeitstelle auch zu realisieren. Die schlechte (teilweise unterirdische, am existierenden Mindestlohn orientiert vergleichende) Bezahlung von Trainer(inne)n an der Basis, die dies neben ihrem Beruf tun, ist eines der Hauptprobleme in der Ausbildung von Nachwuchs und auch Talenten im deutschsprachigen Tischtennis. Darüber hinaus ergibt sich ein Folgeproblem, das noch viel größeren „Schaden“ anrichtet und seinen Teil zum herben Mitgliederverlust beiträgt: Clubs und Vereine legen keinen Wert darauf, im Erwachsenenbereich ebenfalls qualifizierte Trainerinnen und Trainer einzusetzen! Ein Teufelskreis: Mit Vollendung des 18. Lebensjahres verlieren viele Jugendliche im gleichen Verein (wenn sie denn in ihrer Jugendzeit überhaupt qualifizierte Anleitung hatten) den Anspruch auf weitere Ausbildung (oder überhaupt Trainingsanleitung)… das ist intellektuell kaum vernünftig zu erklären.

4. Die Notwendigkeit der aktiven Kooperation zwischen ehrenamtlichen und hauptberuflichen Strukturen im Trainings- und Organisationsbereich von Clubs und Vereinen

Alle Funktionsträger – ob hierzulande oder in der Schweiz – wissen, dass uns die Strukturen, wie sie in Vereinen und Clubs heute im Jahr 2019 mehrheitlich noch immer vorzufinden sind, nicht weiterbringen. Die Erde dreht sich weiter und unsere gesellschaftliche Entwicklung erlebt eine digitale Revolution und Veränderungen, die momentan als heftig wahrgenommen werden und die massive Anpassung erfordern. Diese Strukturen aufzubrechen und hauptberufliche (professionelle) Stellen zu schaffen oder Kooperationen zwischen ehrenamtlich geführten Vereinen und professionellen Institutionen und Trainern, scheitert aber in der Regel nicht an der Finanzierung, sondern an Eitelkeiten, Vereinsegoismus, Vorurteilen gegen Machbarkeiten oder Andersdenkende oder-handelnde und beharrlicher Beratungsresistenz und Besserwisserei. Und das, weil man glaubt, einen Club oder einen Verband zu besitzen und nur die eigene Erfahrung als Grundlage zur Beurteilung von Weiterentwicklungsoptionen gelten lässt.

Es ist ein weiterer Teufelskreis: Auf der einen Seite müssen wir uns professionalisieren, auf der anderen Seite fehlen dafür die Mittel, die wir aber wiederum nur akquirieren können, wenn wir uns zusammenraufen und kooperieren. Sozialkompetenz ist also gefragt! Vor allem zwischenmenschlich vorurteilsfrei kooperieren, im Marketing und bei der Vermarktung professionalisieren, uns nicht weiter als Sportart derart unter Wert verkaufen, dass es einer mehrtägigen Diskussion bedarf, um Vereinsverantwortliche davon zu überzeugen, dass € 0,66 kein angemessener Monatsbeitrag für ein Mitglied im Jahr 2019 ist, das eine Halle (mit Duschen und Licht selbstverständlich!), Tischen, Bällen und den Verein nutzt!

Und dabei könnten die richtigen hauptberuflichen Tischtennis-Fachleute helfen.

5. Das Beenden der nicht vorhandenen Regelkenntnis der meisten Tischtennisspieler(innen) und Verantwortlichen durch die fehlende oder unzureichende Judikative bei Wettkämpfen

Zwischenzeitlich haben sich im Wettkampfbereich ab Landes- und Verbandsliga abwärts – also in dem Bereich, in dem die Mehrheit der Spielerinnen und Spieler spielt, „Verhältnisse“ etabliert, die auch demokratische Grundmuster in unserer Sportart gefährden. Es ist hier eben nicht mehr „Konsens“, wenn nach dem Regelwerk der ITTF und des DTTB und der Wettspielordnungen der jeweiligen Regionalverbände gespielt wird, sondern nach Gewohnheitsrechten. … „Wir sind doch hier nicht in der Bundesliga!“ ist nur eines jener tollen Argumente, mit denen versucht wird, Spielerinnen und Spieler, die gerne die Regel in Anwendung sehen möchten, diffamiert werden. Es darf hier getrost von einer Monokultur gesprochen werden, die sich entwickelt hat. Die gültigen Regeln anzuwenden, kommt einer Revolution gleich und führt zu „Stress“. Das sollte wenigstens für fünf Sekunden zum Nachdenken anregen. Insbesondere bei Regionalverbänden, die für diesen Teil des gesamten Wettkampfsystems verantwortlich sind.
Die Bezahlung und Einsatzfelder für qualifizierte Schiedsrichter(innen) werden nicht umgesetzt bzw. eingebracht und man zieht sich auf das Argument zurück, die Vereine würde ja kaum Spielerinnen oder Spieler zu einer Schiedsrichter-Ausbildung schicken. Weiter reicht dann oft die Argumentation nicht mehr … in meinen Augen aus einem ganz bestimmten Punkt:

Wohin werden die in vielen deutschen Landesverbänden als „Ordnungsstrafen“ eingesammelten, jeweils mehrere tausend Euro pro Landesverband betragenden Gelder investiert, die Vereine dafür zahlen müssen, dass sie keinen ausgebildeten Schiedsrichter melden? In Projekte, Schiedsrichter-Personal auszubilden und zu stellen, angemessen bezahlt von dem Geld, was die Vereine an Ordnungsstrafen jährlich leisten (z.B. in 450-€-Jobs oder anderen kreativen Ideen)? In Projekte, die den massiv imageschädigenden Zustand der fehlenden Judikative in vielen Hallen zu verändern? In welcher anderen Rückschlagsportart oder überhaupt Mannschaftssportart entscheiden „betroffene Interessensparteien in einem Wettkampf, in dem es kein Unentschieden gibt“ über Tatsachen zur Spielpunktermittlung? Und in welcher anderen Sportart passiert dies nachweislich noch, ohne die notwendige Regelkenntnis zu haben? (Ganz nebenbei: Und in welcher Sportart gibt es noch mehr als 10 verschiedene Spielsysteme bundesweit??)

Nein, es herrscht kein Chaos im deutschsprachigen Tischtennissport, aber es gibt jeweils oft genug eine selten an der Sache orientierte Grundhaltung von Vereins- oder Clubverantwortlichen oder sonstiger Funktionäre: alle interessieren sich fast ausschließlich nur dafür, in welchen Ligen, mit welchen Geschlechtern und wie viel Mannschaftsmitgliedern, zu welchen Wochentagen und welchen -zeiten, um welche Anfangszeiten, mit wie vielen PKWs und anschließenden Relegationsregelungen sowie Aufstiegsausnahmen Tischtennis „praktiziert“ wird.

Wie man auch in die unteren und mittleren Klassen regelmäßig Schiedsrichter entsenden kann, die auch angemessen bezahlt und akzeptiert werden, … darüber macht sich offenkundig niemand Gedanken. Und die eingesammelten Ordnungsstrafen versickern dann irgendwo in den jeweiligen Verbandshaushalten und sind also quasi jährlich gedanklich schon eingeplant. Im Falle einer deutlichen Verbesserung dieser Situation würden den jeweiligen Verbänden ja diese Beträge wiederum fehlen. Ein Schelm, der dabei Böses denkt …

Und auch in einem weiteren Bereich treiben es die Blüten des „Konsensitivismus“ soweit, dass (sportliche) Auf- und Abstiege ad absurdum geführt werden, dadurch dass aus Angst, Vereine oder Mannschaften zu verprellen, jetzt fast jeder selbst entscheiden kann, ob er auf- oder absteigt oder welches Risiko er dazu eingehen möchte oder nicht. In welcher anderen Sportart gibt es so etwas ebenfalls?

6. Eine Diskussion über moderne Strukturen in Clubs, Vereinen und Verbänden sowie den Status des Ehrenamtes

„Jeder, der sich für ein Amt zur Verfügung stellte, wird mangels Wahlmöglichkeit auch gewählt“.

Eine Diskussion über moderne Strukturen oder das Ehrenamt an sich ist kaum festzustellen. Kaum bis gar keine Gespräche und Sachauseinandersetzungen darüber, wie unsere Sportart ihr Image verbessern kann, wie man lizenzierte und qualifizierte Trainer(innen) angemessen bezahlt, um sportliche Entwicklung zu produzieren, wie grundsätzlich im Jahr 2019 Organisationen aufgestellt sein müssen, um den Anschluss in unserer komplizierter gewordenen Welt nicht zu verlieren. Keine klaren Meinungen dazu, was erforderlich ist, um als Verein zukunftsfest (resilient) zu werden, wie man das praktisch hinbekommt (mit Ehrenamt usw.) und warum demokratische Mechanismen auch in unserem Sport immer mehr zu bröseln beginnen? Warum sollten monatliche Mitgliedsbeiträge den Wert eines Vereins widerspiegeln? Warum verkaufen Vereine heute Produkte und keine Sportarten mehr, warum brauchen sie einen Markenaufbau? Warum ist die „gute, alte Zeit“ jetzt vorbei? ….

Auch das Ehrenamt darf nicht mehr als unangreifbarer Rückzugsort für eine Sachdiskussion ins Feld geführt werden. Das Thema heißt Fähigkeit zur Selbstkritik und das Erkennen von Totschlagargumenten, die die ehrenamtliche Arbeit rechtfertigen sollen, usw.. Und es darf nicht mehr oft noch darum gehen, in Clubs, Vereinen oder Verbänden „um jeden Preis Positionen zu besetzen“ oder „etwas zu werden“, sondern es muss etwas bewirken! Und es wäre nicht unangemessen, auch gewisse Kompetenzansprüche an bestimmte Ehrenämter zu haben.

Jeder Tischtennis-National- oder Regionalverband müsste heute geführt werden wie ein mittelständisches Unternehmen. Dies ist aber nicht festzustellen, weil das Hauptargument dagegen eine überholte zeit-ungemäße Auffassung einer ehrenamtlichen Führung ist. Und diese föderalen Strukturen sind veraltet – und fördern auch veraltetes Denken. Das Ehrenamt (für das man außer einem Handzeichen und der damit verbundenen Freiwilligkeit zur Ausübung des Amtes vielerorts keine sonstige Kompetenz benötigt) führt zu einem automatischen Verständnis einer eigenen Kompetenz. Und wird somit hier sehr häufig als Kritik oder Selbstkritik an Ehrenamtlichen verstanden. Und diese gehen dann oft davon aus, dass dieses Amt über jeden Zweifel erhaben ist (Hauptargument: Man ist ja froh, überhaupt jemanden zu haben!) … Sachliche Diskussion und argumentative Auseinandersetzung in der Sache über Alternativen zum „Frohsein“: die Ausnahme. Die wird aber dringend in unserer Sportart benötigt…

Zweifel und Selbstzweifel unserer Freiwilligen, aber auch unserer Hauptberuflichen… wo sind sie? Zweifel sind oft Verräter und führen häufig dazu, dass wir das Gute, das wir erreichen könnten, nicht bekommen, weil wir den Versuch, es zu erreichen, gar nicht erst wagen. Gerade inkompetente Menschen neigen dazu, das eigene Können zu überschätzen und die Kompetenz anderer zu unterschätzen. Das ist der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt, der auf Studien der beiden Wissenschaftler der Cornell University zurück geht: „Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist. […]. Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, sind genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“

Dunning und Kruger hatten festgestellt, dass bei vielen Tätigkeiten Unwissenheit oder mangelndes Können oft zu mehr Selbstsicherheit verleitet als Wissen oder Können. Weniger kompetente Menschen neigen hingegen zur Überschätzung ihrer eigenen Fähigkeiten, dem Nichterkennen überlegener Fähigkeiten bei anderen und dem Verkennen des Ausmaßes ihrer eigenen Inkompetenz. Das ist – nachweislich – in unserer Sportart ebenfalls noch gang und gäbe. Charles Bukowski, der US-amerikanische Autor und Schriftsteller mit Geburtshaus in Deutschland, der oft in einer harten, direkten Sprache schrieb und auch in seinen Geschichten die schmuddeligen Aspekte des menschlichen Lebens keineswegs aussparte, fasst es folgendermaßen zusammen:

„Das Problem der Welt ist, dass intelligente Menschen voller Zweifel und Dumme voller Selbstvertrauen sind.“

Doch gerade in diesen entscheidenden Bereichen haben oft Führungsfiguren im Sport nicht ihre Kernkompetenzen, die hierfür erforderlich sind: Offenheit, Vorurteilsfreiheit, Akzeptanz anderer Meinungen, Sozial- und Fachkompetenz. Ich will auf keinen Fall pauschal sagen, dass z.B. ehemalige Sportler schlechte Führungskräfte sind, aber ohne Aus- und Weiterbildung fehlt ihnen eben in der Regel auch das nötige Wissen außerhalb des sportlichen Bereichs. Und dies ist notwendig, um den eigenen Sport über das eigentliche Training hinaus mit ihrer Erfahrung weiter zu entwickeln.

Ich habe früher Fußball gespielt und war auf dem Sprung … war nicht schlecht und interessiere mich auch heute noch für Fußball. Diese Sportart – so überzogenen der professionelle Bereich auch sein mag – ist noch immer faszinierend. Aber bei Tischtennis-Verantwortlichen beispielsweise muss sie ständig als Erklärung dafür herhalten, dass es im Tischtennis keinen oder immer weniger Nachwuchs gibt, weil die Kinder ja lieber Fußball spielen. Was für ein unglaublicher Nonsens … die Erklärungen dafür sind weitaus einfacher:

a) der Ball ist viel grösser und das mit ihm erfahrbare Erfolgserlebnis für Kinder gibt es schon mit 3-4 Jahren und

b) die Lösung dagegen liegt bei jedem selbst, bei Kreativität, Einfallsreichtum, Mut, neue Dinge auszuprobieren und sich der schwierigsten aller Aufgaben im Tischtennis zu stellen: der Arbeit mit Kindern im Vorschul- und im Grundschulalter!

Neid ist hier ein ganz schlechter Ratgeber – aber eben bequem!

Der Fußball macht übrigens etwas in einem Punkt so „richtig richtig“: Er setzt für den Sport ganz bewusst auf bewährte Kräfte; die sind dann aber auch nur für den Sport zuständig. Zusätzlich engagiert der Fußball dann – natürlich mit seinen erheblichen finanziellen Mitteln – Fachkräfte für die Vermarktung und Digitalisierung. Nur so kann es gehen. Auch in unserem Sport. Wenn auch auf niedrigerem Niveau, weil wir diese Mittel des Fußballs zunächst nicht akquirieren können. Aber wo bitteschön, ist dies zum Wohle aller Vereine und Clubs bei uns zu erkennen?

Verbände wurden einst gegründet, um die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Heute ist zu beobachten, dass Verbände eigeninitiativ Erwartungen, teilweise sogar Forderungen an ihre Mitglieder (Vereine, Clubs) haben, für den Verband da zu sein und wenn nicht … dann soll gezahlt werden. Mit dem Bestrafungssystem „Ordnungsstrafe“ läuft sowieso schon lange etwas Grundlegendes schief …

So wie die Regionalverbände in der Regel die „Gesellschafter“ ihres Nationalverbandes sind, sind Clubs und Vereine die „Gesellschafter“ Ihres Regionalverbandes. Nur: viele Clubs und Vereine verstehen dies nicht mehr … Der Mitgliederverfall, die fehlende Bildungskultur in unserer Sportart (insbesondere im Erwachsenenbereich), die überwiegend fehlende Judikative in allen Team- und Individual-Wettbewerben zur Durchsetzung des eigenen Regelwerkes und der mangelnde Veränderungswille führen dazu, dass das bereits schlechte Image unserer Sportart weiter verfestigt und die Wahrnehmung von Tischtennis als ernstzunehmender Sport weiter ausbleibt. Auch keiner unserer Spitzenspieler, weder Jörg Roßkopf noch Timo Boll, haben den Mitgliederverfall mit ihrer Karriere und ihrer Performance aufhalten können.

Nein, in der jetzigen Situation würde nur ein komplettes Umdenken helfen, das strategisch orientiert ist und letztlich einen Kulturwandel in unserem Sport „produziert“. Die Regionalverbände sollten eine nutzer- und kundenzentrierte Innovationskultur schaffen. Dieses Verständnis bemerke ich aber bislang nur bei ganz wenigen und das macht mir Sorgen. Auch die Phase des Fremdelns mit Digitaltechnik oder Argumente aus der Schublade „Früher-ging-es-doch-auch-ohne“ von vielen Vereins- und Clubverantwortlichen hemmt die Weiterentwicklung unserer Sportart. Wenn sie denn schon nicht im Fernsehen kommt, dann kann nur über die sozialen und digitalen Medien unserer Sportart populär gemacht werden. Es gilt also schleunigst den Mehrwert von Digitalisierung zu erkennen. Fachtagungen, Seminare und vor allem auch Veranstaltungen für Clubs und Vereine gehören zum praktischen Instrumentarium.

IT-Kompetenzmangel in Vereinen und Clubs sollten die Regionalverbände künftig durch systemisch verankerte digitale Bildung von vornherein verhindern. Ich halte es für ein Gebot der Zeit, dass Digital- und Medienkompetenz als fester Bestandteil der Aus- und Weiterbildung neben Trainer-Aus- und Weiterbildung in den Landesverbänden angeboten werden muss. Dass Bildung der Schlüssel für das Arbeiten in der digitalen Welt (und damit auch für die Werbung, das Marketing, die Imagepflege und die Außendarstellung und Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen und Clubs) ist, sollte verständlich sein. Vereine und Clubs, die mit der technologischen Entwicklung nicht Schritt halten, werden definitiv den Anschluss und damit ihre Existenz verlieren. Dauerhaftes Verschließen kann sich kein Club und Verein in einer globalen digitalisierten Welt leisten.

Alle Clubs, Vereine und Regionalverbände sollten nicht mehr der Illusion unterliegen, den Mitgliederrückgang aufhalten zu können und dabei niemanden weh zu tun. Davon sollten sie sich schnell verabschieden. Angesichts der Größe des Problems ist das schlechterdings unmöglich. Solange Vereine, Clubs und Regionalverbände ihre Menschen schonen und sie nicht zu Debatten auffordern, wird niemand zum Handeln gezwungen. Insbesondere in der Wirklichkeit unternehmen alle nicht genug, um gegenzusteuern. Alle versäumen es sträflich, sich so zu verändern, dass die Sportart Tischtennis in der Öffentlichkeit ein deutlich besseres Image bekommt. Die Verbände versäumen es sträflich, ihre Kritiker und Befürworter an einen Tisch zu bekommen, um zu erklären, sie einzubinden. Die Wende in der Mitgliederentwicklung muss Dreh- und Angelpunkt werden und nicht wie ein Stiefkind behandelt werden. Alle wollen nur spielen und niemand fragt mehr, warum es immer weniger Spieler(innen) gibt … Niemand fragt, warum es so wenige qualifizierte Trainer in unserer Sportart gibt und wie man diese angemessen bezahlen könnte. Könnte ja wehtun.

Wir können den Mitgliederschwund nur aufhalten, wenn wir lernen, vom Ende her zu denken: Wie müsste eigentlich jeder Verein und Club in Training und Wettkampf heute aussehen, um auf lange Sicht gut und zukunftsorientiert zu arbeiten? Wie lassen sich qualifizierte Trainer(innen) beschäftigen und finanzieren? Und noch viel grundsätzlicher: Wie lange können sich Clubs und Vereine Mitgliedsbeiträge leisten, die nicht annähernd den Schaden widerspiegeln, den dieser „Konsum“ anrichtet?

Es sind unbequeme Fragen, da vor allem alle Verantwortlichen für ein unbekümmertes „Weiter so!“ sein wollen. Aber sie müssen gestellt werden.

Greta Thunberg, die junge Klimaaktivistin aus Schweden denkt an ihre eigene Generation. Wenn sie über die Zukunft spricht, denkt sie nicht an Machbarkeiten. Sie denkt nicht an die Befindlichkeiten von Politikern oder Energiekonzernen. Nicht an Bestandsgarantien, Weltwirtschaftswachstum oder politische Zwänge. Sie ist für das Thema dieses Essays ein Gedankenanstoß, denn die 16-jährige Schwedin ist kompromisslos. Das ist unerhört in einem Land wie Deutschland, das die Konsenskultur auch in unserem Sport so lange als Ideal gepredigt hat, bis sich niemand mehr traute, etwas zu sagen, dass kein Konsens ist. Es sagt etwas über Deutschland, wie viel Misstrauen Thunberg auf sich zieht - und wie viel Begeisterung, dass da endlich jemand ist, der kämpft … und sagt:

"Solange ihr euch nicht darauf konzentriert, was getan werden muss, sondern darauf, was ihr glaubt, das möglich ist, gibt es keine Hoffnung."

Damit ist alles gesagt!

Thomas Dick

Thomas Dick vom Tischtennisinstitut Thomas Dick hat seit 1986 Erfahrung in der Tischtennis-Lehrarbeit, seit 1995 als Berufstrainer.

Seit 2011 besitzt Thomas die Ausbilder-Zertifizierung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Ehem. Er war u.a. Leiter der Intern. Tischtennis-Schule TIBHAR, Trainer Herren-Nationalliga A Schweiz (TTC Neuhausen), Verbandstrainer im NWTTV (Schweiz). Berufserfahrung in der professionellen Sportverwaltung, mittlerweile ist er Experte für vereins- und verbandsinnovative Projekte sowie Führungsfragen im Tischtennis, Präventiv-Trainer-Lizenz (Trainer P) Tischtennis für Gesundheitssport-Kurse.

Du kannst über die Übersicht auch einen Tischtennis-Kurs seiner Tischtennisschule finden.

 

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