Das Gespenst der Abwerbung

„Man gibt immer den Verhältnissen die Schuld für das, was man ist. Ich glaube nicht an die Verhältnisse!
Diejenigen, die in der Welt vorankommen, gehen hin und suchen sich die Verhältnisse, die sie wollen,
und wenn sie sie nicht finden, schaffen sie sie selbst.“
George Bernard Shaw

Ein nüchterner Blick in unsere Sportart genügt, ein kritischer Blick in unser derzeit vorherrschendes Gesellschaftssystem genügt ebenfalls und auch die eigene Meinung trägt oftmals Argumente vor, die man dann aber so schnell wie möglich (weil unangenehm) unter den Teppich kehrt. Die Rede ist von einer Art Gespenst, das viele Tischtennis-Vereine und -Abteilungen lähmt und unbeweglich macht, (angeblich) demotiviert und zur Statistenrolle verkommen lässt. Das Gespenst heißt „Abwerbung“ – fälschlicherweise/ zutreffend oder zu Recht oder Unrecht - soll in diesem Artikel untersucht werden.

Untersucht werden sollen vor allem die Fragen:

  1. Wofür sind Abteilungsleitungen im Tischtennis verantwortlich?
  2. Wofür sind Verbände verantwortlich?
  3. Löst man das Problem, wenn man diejenigen verantwortlich macht, die Führungsaufgaben übernommen haben?
  4. Was ist zu tun, um die Situation zu verbessern, die Vereine und ihre Mitarbeiter erstarren lässt, wenn in unmittelbarer Umgebung ihres Vereins ein konkurrierender Verein plötzlich „Stärke“ zeigt?
  5. Muss nicht jede(r) Abteilungsleiter(in) jeder Tischtennisabteilung für seine Entwicklung selbst Verantwortung übernehmen?
  6. Was aber ist dann Aufgabe der Vereinsführung oder des Landesverbandes?
  7. Und was heißt „Verantwortung delegieren?“


Der Wind ist – natürlich nur organisatorisch-sportlich – rauer geworden. Vereine wie beispielsweise die TSG Bergedorf in Hamburg – im DTS bundesweit als Paradebeispiel für eine dienstleistungsorientierte erfolgreiche Nachwuchsförderung im deutschen Tischtennis-Sport von 1996 – 2002 dargestellt – haben den Wettbewerb im Stadtstaat Hamburg in den vergangenen Jahren verschärft. Zeitgleich sind aber die grundlegenden Probleme in den Organisationsstrukturen der konkurrierenden Vereine – allerdings nicht ausschließlich in Hamburg - immer noch die alten geblieben. Springt ein Spieler, sei es Nachwuchsspieler oder Erwachsener, von „seinem“ Verein ab und wechselt zu einem gut und professionell organisierten Verein, passiert in der Regel immer und immer wieder das Gleiche: man beschimpft den Spieler und den „aufnehmenden Verein“ als käufliche Menschen bzw. abwerbende Vereine. Alle „Investitionen“ in den Spieler seien nun umsonst gewesen, ein schlechtes Gewissen soll dem „Gewissenlosen“ vermittelt werden, usw.. Das Fehlen einer Ausbildungsentschädigung wird weiterhin beklagt. Die Möglichkeit jedoch, dass Menschen von sich aus eigenständige Entscheidungen treffen, um ihr Leben zu verändern – wenn man so möchte wie im Berufsleben - wird völlig ausgeblendet. Es wird unterstellt, dass nur und ausschließlich mit Geld diese „Welt“ regiert wird.

Aber die Frage muss erlaubt sein:

„Wie ist es möglich, dass gesunde und meist vortreffliche, überdurchschnittlich begabte Menschen so etwas wie sportlich-erfolgreiche Arbeit wollen können und dies nicht nur als eine Pflicht, nicht nur als ein notwendiges Übel ansehen? Warum kann diese nicht aus Liebe zur Sportart, mit Herz und Geist, mit Körper und Seele stattfinden?“

Abteilungsleiter(innen) im Tischtennis und Verbandsführungskräfte fragen heute ähnlich:

  • Was kann ich tun, damit Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, sich engagieren?
  • Wie setze ich das motivationale Potential möglicher Mitarbeiter frei?
  • Wie schaffe ich einen Verein, in die die Mitarbeiter und Mitglieder nachmittags und abends gerne kommen und Erfolg haben?


Auf diese Fragen gilt es zu antworten. Aber die Problematik ist wesentlich komplexer, als dies viele Meinungen hinsichtlich „Konsumhaltung“, Egoismus, usw. zu erklären beabsichtigen. Es geht hier vor allem um das Führungsverhalten der in den Vereinen und Verbänden Verantwortlicher ... und dazu zählen neben den Vorsitzenden und Abteilungsleitern auch die – wenn auch wenigen – Trainer.

Spätestens in Kadertrainingsgruppen - um bei dem Beispiel vieler jugendlicher Vereinswechsel zu bleiben – spüren Nachwuchsspieler, was „Training“ bedeutet. Und dann haben alle einen entsprechenden Maßstab, an dem sie nicht nur sich selbst messen, sondern auch den Trainer oder das Training „zuhause“; es werden – bewusst oder unbewusst – Vergleiche angestellt.

Und hier beginnt ein Dilemma: Signale der Unzufriedenheit, sei es durch Körpersprache oder Argumente, werden oft ignoriert oder missachtet. Das Eingeständnis, nicht weiter zu wissen oder nicht zu wissen, wie man diese Probleme lösen kann, führt unvermeidlich in die Sackgasse. Verhaltensänderungen sind die schwierigsten Probleme der Menschen. Soziologen haben bestätigt, dass Verhaltensänderungen nur in weniger als 10% der Fälle über die notwendige Einsicht erreicht werden, die restlichen 90% passieren vielmehr nur durch „Druck“ oder „Leidenssituationen, in denen der Schmerz dann so groß ist, dass man aus überlebensnotwendigen Gründen dann sein Verhalten ändern muss“.

Sind sich hier die Verantwortlichen bewusst über Ihr Verhalten?

Aber schauen wir uns um, was passiert, wenn ein Nachwuchsspieler „seinen“ Verein verlassen hat. Leidet der abgebende Verein? Ändert er seine Vereinspolitik? In den meisten Fällen: nein!

Wichtig ist, dass jeder Verantwortliche in Tischtennis-Abteilungen und –Vereinen versteht, dass er selbst verantwortlich dafür ist, was er tut. Der beste Schutz vor „Weggang“ seiner eigenen Spieler ist das Angebot einer eigenen, gut organisierten und auf Erfolg ausgerichteten Nachwuchs- oder Erwachsenenarbeit. Jeder Tischtennisspieler, jede Tischtennisspielerin möchte Erfolg haben (was darüber hinaus selten geäußert wird!), Misserfolge führen auf Dauer zur Demotivation. Nur in einem guten Umfeld, mit guten Trainern, guten Trainingsbedingungen haben Nachwuchsspieler in der Regel keinen Grund, den Verein zu wechseln. Und doch bleibt es letztlich die Entscheidung des jeweiligen Spielers oder der Spielerin, zu welchem Verein sie sich letztendlich hingezogen fühlen. In der Regel ist der Spieler oder die Spielerin nicht unbedingt und ausschließlich dort zuhause, wo er/ sie wohnt, sondern wo er/ sie sich verstanden und gefordert fühlt. Und dies umso mehr, als das die „Ansprache von außen“, die auf einen Vereinswechsel zielt, bei dem zufriedenen Spieler/ der zufriedenen Spielerin in aller Regel zum Misserfolg führt, weil der Zustand der Zufriedenheit normalerweise kein Grund zum Vereinswechsel darstellt. Ein Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt auch Vertrauen – ein Begriff, über den (fast) jeder glaubt, Bescheid zu wissen ...

Ich bin Praktiker. Mich interessiert zwar, ob ein Gedanke stimmig ist, mehr aber noch, ob er funktioniert. Für die folgende Überlegung führe ich daher ein Kriterium ein, das ich „praktisch“ nenne. Ich frage: „Ist es praktisch, so – wie eben erläutert – zu denken?“ Ich frage nicht, ob die von mir vorgetragenen Argumente und Denkfiguren „richtig“ sind, sondern nur, ob es „nützlich“ ist, solche Gedanken in sich aufzunehmen. Das Prüfkriterium ist damit freilich nur funktional bestimmt. Inhaltlich wird es, wenn ich ergänzend frage: „Stärken diese Gedanken die Selbstverantwortlichkeit der Führungsverantwortlichen in Tischtennis-Abteilungen? Oder schwächt er sie?“. Argumente, die meine Selbstverantwortung stärken, sind für mich insofern „wahr“. Gedanken, die das Handeln verhindern, Nicht-Handeln rechtfertigen (wie vorhin aufgezeigt) oder Unzuständigkeit aufrechterhalten, sind für mich insofern „falsch“. Dieser Ansatz ist einer pragmatischen Berechtigung verpflichtet, die die Selbstverantwortung des einzelnen zum Moralkern hat.

Ich sage also hier nicht die Wahrheit. Wenn jemand die Wahrheit sagen könnte, hätte sie schon jemand gesagt und wir müssten nicht weiter darüber sprechen. Ich möchte Standpunkte entwickeln und vorstellen, die im Sinne der Selbstverantwortung des einzelnen und einer verantwortlichen Vereinskultur praktisch sind. Wie alle perspektivischen Ideen setzen auch hier vorgeschlagene Denkfiguren den selbstverantwortlichen einzelnen (Abteilungsleiter) voraus, der für sich selbst (und seinen Verein) entscheiden muss, was er für wahr hält.

Wer sich allerdings nach Lesen dieses Artikels bestätigt fühlt – und die meisten Menschen wollen durch Artikel und Bücher bestätigt werden - der hat wenig gewonnen. Derjenige, der überhaupt nicht meiner Meinung ist, hat die Chance zum größeren Gewinn. Mit Max Frisch erhoffe ich mir, „dass der Leser vor allem den Reichtum seiner eigenen Gedanken entdeckt". Ja, es gibt noch etwas zu sagen – für jene, die sich einer optimistischen Praxis verschrieben haben. Karl Popper sagte: „Nichts aber ist verantwortungsloser als Pessimismus.“ Vereine, die nicht wissen, wie „es“ geht, nicht offen sind, es zu erfahren oder die nicht an ihre Entwicklungschancen glauben, werden auf Dauer keine Chance haben.

Macht hat, wer macht !

Es ist einfach praktisch, so zu denken .... und verhindert Missverständnisse.

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Kommentar von Rudi Endres |

Ich mag mich nicht in „philosophischen Höhen“ bewegen. Ich bin Pragmatiker und seit Jahrzehnten Funktionär und Trainer.
Es ist eher selten der Wechsel eines einzigen Spielers, der das Vereinsgebäude erschüttert und in einigen Fällen zum Einsturz bringt, sondern die Kettenreaktion.
Der Reiz der höheren Liga ist stärker als jede soziale Bindung. Das ist verständlich. Warum sollte ein Jugendlicher „Tag und Nacht“ trainieren, wenn er keine Perspektive sieht. Doch selbst die beste Jugendarbeit kann den sportlichen Erfolg nicht garantieren. Steht eine Legionärstruppe vor einem und gibt es, wie in unserem Verband, keine Relegation, so ist man chancenlos.
Meist wechselt dann der Spitzenspieler, andere sehen keine Perspektive mehr und wechseln auch. Wieder andere hören auf. Auch das können Vereine verkraften. Wenn jedoch der „Macher“ entnervt hinwirft, ist es aus.
Ich könnte aus unserer Region fünf gut geführte Vereine nennen, denen es so ergangen ist und die sich dann (scheinbar) überraschend aufgelöst haben.
Nun könnte man einwenden, dass Vereine, die sich auf ein oder zwei Personen stützen, ohnehin früher oder später zusammenbrechen werden. Doch sind die meisten Vereine von wenigen Enthusiasten abhängig.
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