Die Auswirkungen der aktuellen Regeländerungen im Tischtennissport: - Die Basis im Nachteil?

von Oliver Kucharski Medien- und Kommunikationswissenschaften und Sportwissenschaften, M.A.

 

1. Einleitung

Wer hat als Kind nicht schon einmal Tischtennis gespielt? Sei es in der Schule, im Schwimmbad, im Jugendhaus oder an öffentlichen Plätzen - überall spielen Kinder (wenn auch zumeist an Steinplatten) bei Wind und Wetter Tischtennis. Gemessen an der Verfügbarkeit von Tischen und am Preis für das Spielmaterial besitzt Tischtennis im Vergleich zu anderen Sportarten wie beispielsweise Tennis ein außer-gewöhnliches Potential.

Betrachtet man jedoch einmal die Medienpräsenz und auch die Art der Berichterstattung in den deutschen Medien, so fällt sofort das große Problem dieser Sportart ins Auge: Während Tennis auf sonnigen Anlagen, noblen Rasenplätzen oder in teuren Hallen vor großem Publikum gespielt wird und die Akteure (zumindest in Zeiten von Graf, Becker und Stich) die Titelseiten füllen, haftet dem Tischtennissport zumeist das Image des miefigen Dorfgemeinschaftshaus-Sports an, über den die Medien oft nur als Ping Pong berichten. Während Haas, Agassi, Kuerten und Hewitt um Millionenpreisgelder spielen, ringen Roßkopf, Waldner, Linghui und Guoliang verzweifelt um Anerkennung für ihre Sportart.

Zwar greifen immerhin drei bis vier Millionen Menschen in Deutschland in ihrer Freizeit zum kleinen Zelluloidball, rund 700.000 von ihnen sogar im Verein, doch gemessen am angesprochenen Potential ist das vergleichsweise wenig. Zudem sind die Mitgliederzahlen rückläufig.

Um diesem Missverhältnis Abhilfe zu schaffen, wurden vom Tischtennis-Weltverband ITTF unter Führung des Kanadiers Adham Sharara drei bedeutende Regel-änderungen beschlossen, die den Tischtennissport für die Medien, Zuschauer und Aktiven bzw. "Noch-nicht-Aktiven" attraktiver machen sollen. Diese Regeländerungen riefen jedoch besonders bei den Amateur-Spielern große Entrüstung hervor. Mehr als einmal musste sich die ITTF den Vorwurf gefallen lassen, diese Neuerungen nur für den Spitzensport eingeführt und dabei die große Zahl der Aktiven in den unteren Klassen übergangen zu haben. Dabei richtete sich die Kritik nicht nur gegen die neuen Regeln selbst, sondern auch gegen die Art und Weise der Einführung, die viele als überstürzt, planlos und unvorbereitet ansahen. Die Tatsache, dass die ITTF die Aktiven nur unzureichend über ihre Überlegungen bzw. (sofern vorhanden) Tests informierte, tat ihr Übriges.

In der vorliegenden Arbeit sollen zunächst einmal die beschlossenen Regeländer-ungen vorgestellt und die Art ihrer Umsetzung kritisch hinterfragt werden (Kapitel Zwei). Abschnitt Drei befasst sich mit den Veränderungen für das Spiel. Besonderes Augenmerk dieser Arbeit soll auf den Konsequenzen liegen, die sich für den Spitzensport und den Amateurbereich ergeben, wobei die These untersucht wird, ob die neuen Regeln den großen Kreis der Amateure gegenüber dem kleinen Kreis der Spitzensportler benachteiligen (Kapitel 4). Abschließend werden die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst wiedergegeben (Kapitel 5).

Es soll in dieser Arbeit nicht um die Eignung dieser Regeländerungen gehen, dem Tischtennissport zu mehr Medienpräsenz zu verhelfen, und vor allem soll es nicht darum gehen, ob dieses Ziel überhaupt erstrebenswert ist. Auch kann und will diese Arbeit keine Alternativen aufzeigen, die Tischtennis zu einer größeren Popularität verhelfen könnten.

2. "Ein Sport, der sich nicht verändert, ist zum Untergang verurteilt" - Der Drei-Punkte-Plan des Adham Sharara

Nachdem man bei der ITTF in einer verbesserten Medienpräsenz den Schlüssel für eine positive Entwicklung des Tischtennissports ausgemacht hatte, schickte sich vor allem Präsident Adham Sharara an, Tischtennis durch einschneidende Regeländer-ungen medien- und zuschauergerechter zu machen. In beispielloser Art und Weise veränderte er die seit 1926 bestehenden Regeln derart schnell und radikal, dass nicht nur Zeitungen von einem regerechten "Änderungswahn im Tischtennis" sprachen.

Spieler, Trainer und auch die deutschen Funktionäre zeigten sich überrascht und "überrollt" von der Konsequenz, mit der Sharara seine Visionen vorantrieb: Von einem "Drei-Punkte-Plan" war die Rede, der für das Jahr 2000 zunächst eine Vergrößerung des Balles von 38 auf 40mm, für das Jahr 2001 eine Verkürzung der Zählweise von 21 auf 11 Punkte und für das Jahr 2002 ein Verbot der verdeckten Aufschläge vorsah. In nur zwei Jahren sollte Tischtennis ein völlig neues Gesicht erhalten - eine "Generalüberholung" wie die FAZ treffend beschrieb.

Mit diesen Änderungen wollte Sharara das Spiel insgesamt zuschauer- und medienfreundlicher gestalten: der große Ball sollte das Spiel verlangsamen und die Rotation herausnehmen, die für die meisten Zuschauer oft nicht ersichtlich ist. Durch die kürzeren Sätze erhoffte man sich mehr Spannungsmomente und mehr Dynamik, und die neue Aufschlagregel sollte das Spiel insgesamt transparenter und durchschaubarer machen, weil die verdeckten Aufschläge sowohl für den Zuschauer als auch für den Gegner zuweilen schwer erkennbar sind.

Über Sinn und Unsinn dieser Änderungen wurde auf allen Ebenen und vor allem im Amateur-Bereich viel (und rege) diskutiert. Anlass zur Kritik gaben neben inhaltlichen Punkten auch formale Aspekte wie die Terminierung, Art der Umsetzung Miteinbeziehung der Spieler oder auch hinsichtlich der Informationspolitik der ITTF. Auch wurden immer wieder kritische Stimmen laut, die nur unzureichende bzw. gar keine Tests im Vorfeld bemängelten. Im Folgenden sollen zunächst einmal die einzelnen Neuerungen und deren Umsetzung vorgestellt werden.

2.1 Gute Absicht, schlechte Ausführung? - Die Einführung des 40-mm-Balles

Am 23. Februar 2000 beschloss die Mitgliederversammlung der ITTF im Rahmen der Mannschafts-Weltmeisterschaft in Kuala Lumpur mehrheitlich (und gegen die Stimmen der deutschen Funktionäre) die Einführung des 40-mm-Balles ab dem 1. Oktober 2000 für alle internationalen Veranstaltungen. Ab diesem Zeitpunkt sollten alle internationalen Turniere, Ranglisten und Mannschaftsspiele mit dem 40-mm-Ball gespielt werden, so dass die Olympischen Spielen in Sydney die "letzte große Bühne" für den 38-mm-Ball sein würden. Ab dem 1. Juli 2001 sollte der 40-mm-Ball vollständig auch auf allen nationalen Ebenen eingeführt werden. Die Mitglieds-verbände der ITTF wurden aufgefordert, geeignete Pläne für die reibungslose Umsetzung des Beschlusses zu erarbeiten, wobei die genaue Terminierung selbst zu bestimmen war (d.h. auch eine frühere Einführung war zulässig).

Zu diesem Zweck kam am 5. März 2000 das DTTB-Präsidium mit den Vertretern der Landesverbände sowie Vertretern der Tischtennis-Industrie im Rahmen der deutschen Meisterschaften in Magdeburg zusammen. Dort beriet man über verschiedene Einführungstermine, wobei auch die Verfügbarkeit der 40-mm-Bälle eine nicht unwichtige Rolle spielte. Mit deutlicher Mehrheit wurde schließlich eine Trennung unterhalb der vier höchsten Ligen festgelegt:

  • Für die 1. und 2. Bundesliga wurde der 1. Oktober 2000 als Einführungstermin vereinbart.
  • Für die Regional- und Oberligen der 1. Spieltag der Mitte September beginnenden Saison 2000/2001.
  • Für alle anderen Ligen sollte die Einführung am 1. Juli 2001 erfolgen.


Auch für nationale Individualwettbewerbe wie Einzel-Meisterschaften und Ranglisten verständigte man sich auf eine schrittweise Einführung:

  • Auf Bundes- und Regionalebene galt der 1. September 2000.
  • Auf Landesebene stand es den einzelnen Verbänden offen, mit welchem Ball gespielt wird.
  • Für alle anderen Veranstaltungen galt der 1. Juli 2001 (ebenso wie für sämtliche Seniorenwettbewerbe).


Am 24. Juni 2000 verabschiedete der Hauptausschuss des DTTB diese Vereinbarungen und erteilte den Landesverbänden darüber hinaus die Befugnis, über einen Einführungstermin in der 5. und 6. Liga selbst zu entscheiden.

Zwar wurde durch diesen Beschluss die deutsche Tischtennislandschaft für ein Jahr zur Zwei-Klassen-Gesellschaft, doch angesichts der internationalen Vorgaben konnte es für den DTTB "keine für alle optimale Regelung geben" - vielmehr versuchte man, "die Beste der schlechten Lösungen zu finden" , die wie folgt begründet wurde:

Da in der 1. und 2. Bundesliga zahlreiche Nationalspieler und in den Regional- und Oberligen oftmals Jung- und Jugendnationalspieler tätig sind, war eine Einführung des neuen Balles zum nächstmöglichen Termin unumgänglich. Während sich die Einführung in den Regional- und Oberligen zum ersten Spieltag der Mitte September beginnenden Saison 2000/2001 vergleichsweise einfach lösen ließ, mussten in der 1. und 2. Bundesliga die Olympia-Teilnehmer berücksichtigt werden, die in Sydney noch mit dem 38-mm-Ball spielten. Um diesen Spielern nach dem Olympischen Turnier eine ausreichende Eingewöhnungszeit zu gewähren, konnte der 40-mm-Ball nicht schon zum ersten Spieltag der ebenfalls Mitte September beginnenden Saison eingeführt werden. Außerdem befürchtete der DTTB Wettbewerbsverzerrungen, wenn sich die Nicht-Olympia-Teilnehmer den gesamten Sommer über mit dem neuen Ball einspielen können, während die Olympia-Fahrer für Sydney noch mit dem kleinen Ball trainieren müssen. Daher entschied man sich für eine Einführung zum 1. Oktober und nicht zum ersten Spieltag, was allerdings bedeutete, dass die ersten drei Spieltage mit dem kleinen Ball und ab dem vierten Spieltag mit dem großen Ball gespielt wurde. Dass der 40-mm-Ball in den unteren Klassen (in der 5. und 6. Liga optional je nach Verband) erst zum 1. Juli 2001 eingeführt wurde, lag vor allem an der Verfügbarkeit der neuen Bälle. Wie Michael Bachtler, Geschäftsführer der Herstellerfirma Joola erklärte, muss ein Tischtennisball "ein Jahr lagern, bis alles Wasser draußen und er richtig rundgelegen ist." Von daher wäre es problematisch geworden, alle Vereine zum 1. Oktober mit dem neuen Ball zu versorgen. Auch die Qualität und die Haltbarkeit der Bälle sei noch nicht optimal, so dass man "zunächst viele kopfschüttelnde Spitzenspieler sehen" könne, so Bachtler, was vor allem daran läge, dass den Firmen "noch die Erfahrungswerte für die richtige Einstellung der Maschinen" fehlen. Neben der Knappheit der Bälle war aber auch die Tatsache, dass sich viele Vereine für die neue Saison bereits mit dem 38-mm-Ball eingedeckt hatten, ein Grund für die spätere Einführung des neuen Balles in den unteren Klassen. Außerdem sollten auch die Händler und Hersteller geschützt werden, die ebenfalls noch über eine große Anzahl an 38-mm-Bällen verfügten, die schließlich noch verkauft werden wollten.

Die schrittweise Einführung des 40-mm-Balles gab natürlich nicht wenig Anlass zur Kritik. Hier ist jedoch nicht der DTTB zu kritisieren, der nur die Vorgaben der ITTF bestmöglich umzusetzen versuchte.

Sicherlich ist es mehr als unglücklich, wenn innerhalb eines Verbandes mit zwei verschiedenen Bällen gespielt wird, weil nicht ausreichend 40-mm-Bälle zur Verfügung stehen und weil die vorhandenen 38-mm-Bälle erst noch verkauft werden müssen. Und sicherlich ist es nicht minder unglücklich, wenn innerhalb einer Liga erst mit dem kleinen und dann mit dem großen Ball gespielt wird, weil sich die Olympia-Teilnehmer umgewöhnen müssen und man Wettbewerbsverzerrungen ver-hindern will. Und sicherlich ist es noch weniger glücklich, wenn die ersten 40-mm-Bälle noch nicht über die entsprechende Qualität verfügen, weil die Industrie sich nicht ausreichend vorbereiten konnte. Ebenso unglücklich ist es, wenn beispielsweise ein Spieler aus der zweiten Mannschaft (die mit dem kleinen Ball in der Landesliga spielt) in der ersten Mannschaft (die mit dem großen Ball in der Oberliga spielt) Ersatz spielen und sich im Training auf beide Bälle einstellen muss. Darüber hinaus ist es ärgerlich für die Vereine (und erfreulich für die Hersteller), wenn die 38-mm-Bälle ab dem 1.Juli 2001 wertlos werden und die Vereine sie durch die rund ein Viertel teureren 40-mm-Bälle ersetzen müssen.

Aber an all diesen unglücklichen, ja geradezu grotesken (und irgendwie für den Tischtennissport auch symptomatischen) Situationen trägt nicht der DTTB die Schuld. Vielmehr "überzeugt" hier die ITTF durch eine unüberlegte Terminierung und eine absolut verfehlte Informationspolitik.

Die ITTF hätte wissen müssen, in welche Nöte sie ihre Mitgliedsverbände durch eine derart kurzfristige Änderung bringt und welche Kritik seitens der Aktiven auf die Verbände hereinprasseln würde. Natürlich kann man zu dem Schluss kommen, die ITTF hätte hier nicht ausreichend über eventuelle Probleme für die Verbände und Aktiven nachgedacht (geschweige denn gefragt). Diese Probleme waren jedoch so absehbar, dass die Kritik an der ITTF nicht lauten muss, man habe nicht über die Probleme nachgedacht, sondern man habe sich einfach nicht darum gekümmert, weil man es offensichtlich für unwichtig erachtete. Scheinbar war es der ITTF egal, welche Probleme auf ihre Mitgliedsverbände bei der Umsetzung des Beschlusses zukommen würden. Und scheinbar war der ITTF auch die vorhersehbare Kritik der Aktiven egal. Die Mitgliedsverbände wurden ebenso wie die Aktiven mit den Problemen allein gelassen und die ITTF befürchtete wohl auch keine Konsequenzen wie Austritte von Verbänden oder Missachtung des Beschlusses. Dieses Verhalten des Weltverbands zeugt durchaus von einer gewissen Arroganz, wenn Probleme und Kritik derart absehbar sind, aber trotzdem in Kauf genommen werden, weil man keine Konsequenzen befürchtet.

Und auch in Bezug auf die Informationspolitik haben die Verantwortlichen um Adham Sharara zumindest fahrlässig gehandelt. Wenn noch nicht einmal die normalerweise bestens informierte Industrie schnell genug reagieren und zum geplanten Einführungstermin genügend Bälle produzieren konnte (ganz abgesehen davon, dass die verfügbaren Bälle von schlechter Qualität waren), so kann es mit der Informationspolitik der ITTF nicht weit her gewesen sein. Von daher ist der Vorwurf einiger Spieler, der neue Ball sei zu rasch und ohne Information aller Beteiligten eingeführt worden, durchaus berechtigt. Denn wenn sogar die Hersteller auf den Einführungstermin nicht entsprechend reagieren konnten, wie hätten es die Verbände, Vereine und Aktiven tun sollen.

Die Einführung des neuen Balles traf alle Beteiligten - Verbände, Vereine, Aktive und Industrie - ebenso unvorbereitet wie unangekündigt. Für die daraus entstandenen Probleme (Kritik von Funktionären und Spielern aus allen Bereichen, Verlust an Glaubwürdigkeit und Image, negative Berichterstattung bezüglich der Professionalität und Organisation der Verbände bis hin zu dem Rechtsstreit zwischen dem DTTB und seinem viertgrößten Mitgliedsverband) ist einzig und allein die ITTF verantwortlich, die sich entweder keine Gedanken über mögliche Probleme einer solch raschen Einführung machte, oder (was noch schlimmer ist), diese Probleme für unwichtig erachtete und sie in selbstherrlicher Manier den Verbänden zuschob.

2.2 "Jetzt wird's spannend" - Die Einführung der neuen Zählweise

Am 26. April 2001 beschloss die Vollversammlung der ITTF während der Weltmeisterschaft in Osaka die ab dem 1. September 2001 international verbindlich geltende Verkürzung der Sätze von 21 auf 11 Punkte. Diese Neuerung, die nach den Plänen der ITTF dem Tischtennissport zu mehr Spannung und Dynamik verhelfen soll, wurde mit einer deutlichen Mehrheit von 104 zu 7 Stimmen beschlossen und stellt sich im Einzelnen wie folgt dar:

  • Ein Satz endet bei 11 Gewinnpunkten.
  • Bei 10:10 geht ein Satz in die Verlängerung, in der zum Sieg zwei Punkte Vorsprung benötigt werden.
  • Das Aufschlagrecht wechselt nach zwei Punkten, in der Verlängerung nach einem Punkt.
  • Die maximale Anzahl der Sätze in einem Spiel muss ungerade sein.
  • Im Entscheidungssatz werden beim Erreichen des fünften Punktes die Seiten gewechselt, wobei dann auch im Doppel der Rückschläger wechselt.
  • Die Wechselmethode (Zeitspiel) tritt in Kraft, wenn ein Satz nach 10 Minuten noch nicht beendet ist, es sei denn beide Spieler haben bereits neun Punkte erreicht.
  • Nach jedem Satz werden die Seiten gewechselt, die Spieler können dabei jeweils eine Pause von bis zu einer Minute einlegen.
  • Die Handtuchunterbrechung kann in jedem Satz nach sechs Punkten genommen werden; im Entscheidungssatz zusätzlich beim Seitenwechsel.


Wie auch bei der Einführung des 40-mm-Balles hatten die Mitgliedsverbände selbständig für die Umsetzung dieses Beschlusses zu sorgen, was sowohl die Anzahl der zu spielenden Sätze wie auch die genaue Terminierung beinhaltete. Auf der 34. Bundeshauptversammlung des DTTB am 9./10. Juni 2001 in Titisee-Neustadt wurde daraufhin einstimmig über einen für den Verband günstigen Einführungstermin und die genaue Anzahl der Sätze in den einzelnen Klassen und Konkurrenzen abgestimmt:

  • Für den Bereich des DTTB gilt der 1. August 2001 als Einführungstermin.
  • Im Mannschaftsspielbetrieb wird über drei Gewinnsätze gespielt.
  • In den Einzelkonkurrenzen auf nationaler und regionaler Ebene wird bei den Damen und Herren über vier Gewinnsätze gespielt.
  • In den Einzelkonkurrenzen auf den unteren Ebenen wird bei den Damen und Herren wahlweise je nach Verband über drei oder vier Gewinnsätze gespielt.
  • Die Einzelkonkurrenzen der Schüler, Jugend und Senioren werden über drei Gewinnsätze gespielt.


Da die Saison 2001/2002 in vielen Spielklassen bereits im August beginnt, war es sinnvoll, den von der ITTF festgelegten Einführungstermin um einen Monat auf den 1. August 2001 vorzuverlegen. Für eine Regelung mit drei Gewinnsätzen im Mannschaftsspielbetrieb entschied sich der DTTB, weil man die mitunter bis zu vier Stunden dauernden Mannschaftsspiele nicht noch unnötig in die Länge ziehen wollte.

Anders als bei der Einführung des 40-mm-Balles, wo sich die inhaltliche Kritik in Grenzen hielt und eher formale Aspekte wie die uneinheitliche Einführung, fehlende Tests und unzureichende Informationspolitik bemängelt wurden, gab es bei der neuen Zählweise auch inhaltliche Bedenken: Eine Verkürzung der Sätze von 21 auf 11 Punkte entspricht einer Reduzierung um ca. 50%. Viele Spieler befürchteten daher, dass es von nun an schwerer sein würde, ins Spiel "hineinzufinden", da man schon von der ersten Sekunde an vollkommen konzentriert sein muss und sich leichte Fehler kaum noch leisten kann. Selbst Spitzenspieler, die sich beim großen Ball noch relativ kompromissbereit gezeigt hatten, befürchteten nun "Stress von der ersten Minute" an. Die ITTF entgegnete dieser Befürchtung, dass dafür auch die Anzahl der Sätze erhöht wurde, so dass der Verlust eines einzelnen Satzes nicht mehr so schwer wiegen würde und die Spieler nach wie vor genug Zeit hätten, ins Spiel "hineinzu-finden". Dies trifft jedoch nur bedingt zu, da die maximale Anzahl der zu spielenden Punkte in einem Spiel ebenfalls verringert wurde. Auch das Aufschlagspiel mit zwei Aufschlägen wurde anfangs kritisch gesehen: Viele Spieler befürchteten, es könne sich bei nur zwei Aufschlägen kein richtiger Rhythmus entwickeln (besonders im Doppel, wo nun wahre "Wechselorgien" zu befürchten sind). Bei jeweils fünf Aufschlägen wurde in der Regel auch mal ein Risiko-Aufschlag gespielt, um den Gegner zu überraschen. Dies erscheint vielen Spielern nun noch riskanter, da die Bedeutung des eigenen Aufschlags nach Ansicht der meisten Experten noch gestiegen sei - mittlerweile sei sogar beim Tischtennis die Rede von einem Break.

Außerdem wurden wie auch schon beim 40-mm-Ball nur unzureichende Tests bemängelt, auch wenn die ITTF auf mehrere Tests verweisen konnte wie z.B. bei den Internationalen Meisterschaften von Frankreich und Italien sowie bei fünf weiteren internationalen Veranstaltungen. Doch nicht die Anzahl der Tests wurde kritisiert, sondern deren Aussagekraft, wie der niederländische Nationalspieler Trinko Keen beschrieb: "Wenn es um eine höhere Akzeptanz unserer Sportart bei Zuschauern und Medien geht, warum wird dann eine solche Idee ausgerechnet bei den Italian Open getestet, wo sich doch erfahrungsgemäß kaum zehn Zuschauer in die Halle verirren?"
Ein weiterer Kritikpunkt der Tests war die Tatsache, dass außer der Zählweise bis 11 keine anderen Zählmodelle getestet wurden. Spieler, Trainer und Funktionäre wurden im Dunkeln gelassen, warum sich die ITTF ausgerechnet für eine Zählweise bis 11 entschieden hatte, obwohl zahlreiche Experten alternativ eine Zählweise bis 13, 15 oder 16 mit drei oder auch vier Aufschlägen vorgeschlagen hatten. Darauf angesprochen erwiderte Präsident Sharara nur, dass diese anderen Modelle der ITTF zwar bekannt seien, jedoch nicht getestet würden. Diese Situation ist im übrigen wieder einmal symptomatisch für die Informationspolitik der ITTF, die ihre Mitglieder wie schon im Vorjahr nicht ausreichend informierte, warum man sich beim Weltverband auf die 11 geeinigt hatte und sich über die Richtigkeit dieser Entscheidung so sicher war, dass man Tests anderer Modelle nicht einmal für notwendig befand. Natürlich machte sich die ITTF auch hier nicht die Mühe, Spieler und Trainer in ihre Entscheidungen ausreichend mit einzubeziehen, so dass die Nationalspielerin Elke Schall stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen etwas resignierend erklärte, dass man "so richtig viel [...] eigentlich nicht mit zu entscheiden" hatte.

Auch einige organisatorische Probleme hatte die ITTF unterschätzt: Die Umstellung auf die neue Zählweise erfolgte keineswegs wie Adham Sharara des öfteren behauptete nur im Kopf , sondern auch bei organisatorischen Dingen wie z.B. den Zählgeräten und Spielberichtsbögen. Viele Zählgeräte waren nur für den Drei-Satz- und nicht für den Vier-Satz-Sieg vorgesehen, d.h. die Schildchen für die Satzanzeige gingen bei manchen Zähltafeln nur bis Drei. Diese Zählgeräte mussten also entweder (sofern möglich) erweitert oder erneuert werden. Auch die Spielberichtsbögen boten nicht genug Platz, um ein Spiel über fünf Sätze zu vermerken. Da die vorhandenen Bögen aber erst noch aufgebraucht werden sollten (die Händler hatten schließlich noch etliche auf Lager), wurde für die aktuelle Saison eine provisorische Lösung gefunden, indem nun nicht mehr das komplette Satzergebnis (z.B. 11:9), sondern nur (um Platz zu sparen) das "halbe Ergebnis" (+9 bzw. -9 je nachdem ob die Heim- oder Auswärtsmannschaft gewonnen hat) in den Spielberichtsbogen eingetragen wird. Ab der nächsten Saison soll es dann Spielberichtsbögen mit mehr Kästchen für einen vollständigen Eintrag des Ergebnisses geben. Diese beiden Probleme sind zwar als eher unwichtig einzustufen, doch die Tatsache, dass sie die ITTF relativ unvorbereitet trafen, so dass provisorische Lösungen geschaffen werden mussten, zeigt, dass sich der Weltverband offensichtlich wie auch bei der Einführung des großen Balles nur wenig Gedanken über die Umsetzung ihres Beschlusses gemacht hat, bzw. die vorhersehbaren Probleme wiederum als unwichtig einstufte.

Unabhängig von inhaltlichen Aspekten war die Umsetzung des Beschlusses zur neuen Zählweise ebenso wie auch bei der Einführung des 40-mm-Balles mangelhaft: Es gab weder eine ausreichende Begründung, warum man sich ausgerechnet für die 11 entschieden hatte, noch wurden andere Modelle in Betracht gezogen. Die Tests waren unzureichend, bzw. war ihr Erkenntnisinteresse fragwürdig. Spieler, Trainer und Offizielle wurden nicht ausreichend informiert (nur wenige Monate vor der Einführung wurde in den Verbandszeitschriften noch über die Problematik von fünf Aufschlägen bei Sätzen bis 11 diskutiert) und hatten offensichtlich auch keinen Einfluss auf die Entscheidung. Die Einführung war erneut zu kurzfristig, auch wenn sich die organisatorischen Probleme dieses Mal in Grenzen hielten. Und auch die Argumentation der ITTF ist unklar: wenn die Zählweise bis 11 das Spiel insgesamt dynamischer machen soll, steht diese Idee damit im klaren Gegensatz zur Idee des 40-mm-Balles, der das Spiel doch verlangsamen sollte. Und auch wenn man das Spiel transparenter machen will, bleibt es zumindest fraglich, ob dies durch kürzere Sätze, die am Zuschauer wahrscheinlich noch schneller vorbeirauschen werden als bisher, erreicht werden kann.

2.3 Ein Jahr Vorlaufzeit - Die Einführung der neuen Aufschlagregel



Zusammen mit dem Beschluss über eine Verkürzung der Sätze verkündete ITTF-Präsident Adham Sharara am 26. April 2001 im Rahmen der Weltmeisterschaft in Osaka eine Neuregelung des Aufschlags, die ab 1. September 2002 international verbindlich gelten sollte. Die Mitgliedsverbände der ITTF hatten wie auch bei den anderen Beschlüssen für eine reibungslose Umsetzung zu sorgen, was hier jedoch einzig die Terminierung beinhalten konnte, da bei einer Neuregelung einer Schlagtechnik keine organisatorischen Probleme gelöst werden müssen. Da die Saison in Deutschland bereits im August beginnt, wurde die Einführung innerhalb des DTTB entsprechend vorverlegt.

Im einzelnen sieht diese Regelung ein Verbot der verdeckten Aufschläge vor, so dass im Moment des Balltreffpunktes nichts mehr zwischen Schläger und Netz sein darf. Um sich dies zu verdeutlichen, muss man ein Dreieck bilden, dessen Eckpunkte an den beiden Netzpfosten und dem Balltreffpunkt liegen. Im Moment des Balltreffpunktes darf sich innerhalb dieses Dreiecks nichts mehr befinden (siehe Abbildung).

Mit dieser Regelung reagierte der Weltverband auf die Tatsache, dass die in der Regel durch den freien Arm und mitunter auch durch den Körper verdeckten Aufschläge meist weder für den Gegner noch für den Zuschauer im Entferntesten ersichtlich sind, was dazu führte, dass nicht nur Spitzenspieler viele Rückschlagfehler produzierten. Dies wiederum führte bei den Zuschauern nicht selten zu Unverständnis und bei den Spielern (besonders in den unteren Klassen) oft zu Frust und Resignation. Durch die neue Aufschlagregel erhoffte sich Präsident Sharara eine Entschärfung der Aufschläge, die zu weniger Rückschlagfehlern und einer besseren Transparenz bei den Zuschauern führen sollte. Zugleich stellt dieser Beschluss die zweite Stufe zur Entschärfung des Aufschlags dar, nachdem durch die Einführung des großen Balles bereits die Rotation im Spiel und besonders in den Aufschlägen etwas verringert werden sollte.

Im Gegensatz zur Umstellung auf die neue Zählweise, die sich nach Adham Sharara nur im mentalen und taktischen Bereich vollzog , erstreckt sich die Umstellung auf die unverdeckten Aufschläge vor allem auf den technischen Bereich, so dass man den Aktiven (im besonderen den Aufschlag-Experten) eine Vorlaufzeit von einem Jahr gewährte, um die neuen Aufschläge und Bewegungsabläufe einzuüben. Bei der Vorstellung seines Drei-Punkte-Pakets räumte Sharara einer Neuregelung des Aufschlags sogar eine größere Bedeutung ein als einer Neuregelung der Zählweise. Da sich die Umstellung auf die kürzeren Sätze aber nach Meinung der ITTF leichter vollziehen ließ als die Umstellung auf die unverdeckten Aufschläge, einigte man sich darauf, zuerst die neue Zählweise und danach mit einem Jahr Vorlaufzeit die neue Aufschlagregel einzuführen.

Da die Art der Einführung - rechtzeitige Information, genügend Vorlaufzeit, ausreichende Begründung, ersichtlicher Nutzen - nahezu allen Ansprüchen genügen dürfte, gab es demzufolge auch nicht ansatzweise soviel Kritik wie bei der Einführung der beiden vorherigen Neuerungen. Vielmehr waren sich die Spieler, Trainer und Offiziellen aller Klassen über die Notwendigkeit einer neuen Aufschlagregel einig und auch die Umsetzung wurde nahezu von allen Beteiligten begrüßt.

Zwar gab es auch hier einige (wenige) Kritiker, die sich eine bessere Informationspolitik gewünscht hatten (das Gerücht, dass die ITTF ein Verbot von Vorhandaufschlägen zugunsten von Rückhandaufschlägen plante, hielt sich lange und wurde vom Weltverband auch nicht ausdrücklich dementiert), doch im Vergleich zur Einführung des großen Balles und der neuen Zählweise waren die Aktiven weitaus besser (und vor allem früher) informiert worden, so dass diese Kritik vernachlässigt werden kann.

3. Tischtennis wird eine "neue Sportart" : Die Auswirkungen der neuen Regeln auf das Spiel

Drei bedeutende Regeländerungen in nur drei Jahren - was Weltverband-Präsident Adham Sharara den Mitgliedern seines Verbandes auferlegte, war nicht gerade wenig: Erst ein langsamerer Ball, dann ein schnellerer Spielverlauf, dann andere Aufschläge - Umstellen am laufenden Band hieß und heißt die Devise. Doch was genau muss eigentlich umgestellt werden? Die folgenden Abschnitte sollen diese Frage beantworten.

3.1 Tischtennis soll wieder Sport werden - Die Auswirkungen des neuen Balles auf das Spiel

Kurz nach Einführung des 40-mm-Balles begannen rege Diskussionen über die Auswirkungen auf die verschiedenen Spielsysteme und die Technik im Allgemeinen. In den ersten Wochen konnten die Experten nur Vermutungen anstellen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Von Vorteilen für Abwehrspieler war die Rede, weil sie nun mehr Zeit hätten, ebenso wie von Nachteilen, weil sie nun nicht mehr so viel Rotation erzeugen könnten, Angreifer wurden im Vorteil gesehen, weil es nun leichter schien, den Ball im Optimum zu treffen, doch sie wurden auch im Nachteil gesehen, weil die Topspins insgesamt langsamer würden und man nun verstärkt nachziehen müsse, um zum Punktgewinn zu kommen. Auch beim Material gingen die Meinungen auseinander: Einige Experten empfahlen härtere Beläge und Hölzer, andere wiederum weichere; kurze Noppen wurden von einigen als vorteilhaft angesehen, weil sie schneller sind und man mit ihnen besser schießen könne , andere wiederum attestierten den Noppenspielern Nachteile, weil sie vom Tempo und Schnitt des Balles leben, das nun deutlich verringert sei, wodurch ihnen die Kontrolle solcher Bälle erschwert würde.

Ein halbes Jahr später scheinen auf Grund der Erfahrungen in den letzten Monaten fundiertere Aussagen möglich:
Unbestritten ist der neue Ball langsamer und auch das Rotationsmaximum verringert sich. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass Probleme für den Gegner in erster Linie nicht durch maximales Tempo und maximale Rotation entstehen, sondern durch Tempo- und Rotationswechsel. Der größere Ball hat naturgemäß einen größerem Luftwiderstand und wird stärker abgebremst, wodurch das Spiel eigentlich langsamer werden sollte. Da der größere Ball aber auch besser sichtbar ist, ist es auch leichter, ihn im Optimum zu treffen, was wiederum mehr Tempo bedeutet. Der größere Bremseffekt kann also durch einen verbesserten Balltreffpunkt ausgeglichen werden. Dies gilt vor allem bei schnellem Spiel im tischnahen Bereich. Hier kommt der Bremseffekt kaum zum Tragen. Beim Spiel aus der Halbdistanz dagegen ist der Ball länger unterwegs, und mit zunehmender Flugdauer verringert sich seine Geschwindigkeit. Auf eine einfache Formel gebracht kann man also sagen: bei schnellen Bällen ergibt sich kaum eine Veränderung, langsame Bälle dagegen werden noch langsamer.
In Bezug auf die Rotation ist zwar ein verringertes Rotationsmaximum zu verzeichnen, doch dies sollte eigentlich keine besonderen Auswirkungen haben, da dies für alle gilt. War früher ein Topspin mit maximaler Vorwärtsrotation nötig, um auf einen Unterschnittball mit maximaler Rückwärtsrotation antworten zu können, so reicht nun ein "submaximaler" Topspin aus, da der Unterschnittball auch nur noch über eine "submaximale" Rotation verfügen kann. Das Verhältnis ist gleich geblieben. Allerdings ist festzustellen, dass ebenso wie beim Tempo des Balles, die Rotation mit zunehmender Flugdauer abnimmt. Besonders Bälle mit sehr geringer Rotation verlieren stärker an Rotation als bisher. Außerdem ist es schwerer geworden, dem Ball mit den bisherigen Bewegungen eine gewisse Rotation zu verleihen: Exaktes Timing und ein optimaler Balltreffpunkt haben daher an Bedeutung gewonnen. Um dies umsetzen zu können, ist natürlich eine verbesserte Beinarbeit absolute Grundvoraussetzung, so dass das Spiel insgesamt athletischer und kraftaufwendiger wird.

Auch die Schlagbewegungen müssen etwas abgewandelt und wieder länger werden. Es erscheint nicht mehr sinnvoll, Topspins nur noch aus dem Unterarm zu ziehen, da man auf diese Weise mit dem großen Ball nicht genügend Rotation und Tempo entwickeln kann. Die bisher gespielten kurzen Bewegungen hatten beim kleinen Ball den Vorteil, dass sie sowohl Zeit als auch Kraft gespart haben. Der Nachteil, dass die Bälle auf diese Weise nicht so hart gespielt werden konnten, wurde durch das Frischkleben kompensiert. Dieser Mangel könnte, wie Bundestrainerin Eva Jeler beschreibt, durch den großen Ball behoben werden: "Tischtennis hat sich auf Frischkleben, schnell spielen und auf die ersten drei Bälle reduziert. Was ich [...] bei vielen vermisse, ist die geschulte Beinarbeit und eine Grundschulung mit Körpereinsatz. Es wird sehr viel nur mit dem Arm gespielt. Das ist eine schlechte Tendenz. Das wird sich automatisch mit dem großen Ball umkehren. Der verlangt ganz einfach viel mehr Kraft, viel mehr Körpereinsatz, viel mehr Beinarbeit. Man kann nicht mehr nur einfach mit kurzen Bewegungen spielen. Durch den großen Ball wird die Athletik mehr betont."
Zusätzlich zu den längeren Bewegungen empfehlen viele Trainer, den Handgelenkseinsatz zu forcieren, weil jetzt "mehr Bewegungen aus Unterarm plus Handgelenk gefordert" werden, wobei der Einsatz des Handgelenks jetzt "extrem viel effektiver sein [muss], um dem Ball Rotation zu verleihen."
Insgesamt wird Tischtennis also wieder etwas athletischer, weil die Bewegungen länger und kraftaufwendiger werden und zudem die Beinarbeit stets verbessert werden muss, um den Ball möglichst exakt im Optimum treffen zu können.
Für die verschiedenen Spielsysteme ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen:

Die Abwehrspieler haben zunächst einmal den Vorteil, dass sie durch das etwas verringerte Tempo mehr Topspins ihrer Gegner aus der Distanz zurückspielen können. Andererseits ergeben sich aus dieser Distanz zum Tisch auch Probleme, weil der ankommende Ball zunächst genauso schnell wie früher erscheint, bei zunehmender Flugdauer jedoch stärker abgebremst wird. Besonders für Tempowechsel scheinen Abwehrspieler anfälliger geworden zu sein, da Stoppbälle noch kürzer werden und die Antizipation der übrigen Bälle momentan noch schwer fällt. Auch in Bezug auf die Rotation und besonders die Rotationswechsel (eigentlich die Stärke der Defensivkünstler) ergeben sich Probleme: Zwar kann der Abwehrspieler durch Rotationswechsel dem Angreifer nach wie vor das Leben schwer machen, doch die für das Abwehrspiel in der Regel verwendeten Noppenbeläge benötigen das Tempo und die Rotation des ankommenden Balles. Einem langsamen, rotationsarmen Ball kann man mit Noppen nur wenig eigenen Schnitt verleihen (bei lange Noppen, kann man ihn in der Regel nicht einmal gut kontrollieren) - spielt der Angriffsspieler also klug und wechselt ständig Tempo und Rotation, wird er den Abwehrspieler (dessen Ziel es eigentlich ist, keine eigenen Fehler zu machen und hauptsächlich durch Fehler des Gegners zu gewinnen) zu Fehlern verleiten, was sich auf dessen Psyche sicherlich nicht positiv auswirkt.
Ein Wechsel des Materials ist nach Meinung des Bundestrainers Martin Adomeit nicht sinnvoll, da die meisten Probleme "etwas mit dem ankommenden Ball zu tun" haben, die "sich durch Veränderung des eigenen Materials nicht lösen" lassen. Allerdings sollten die Abwehrspieler das Drehen das Schlägers zu einem wichtigen Element ihres Spiels machen, um Bälle, die mit einem Noppenbelag schlecht anzunehmen wären, mit einem Noppen-Innen-Belag entweder sicher zurückspielen oder sogar angreifen zu können. Außerdem sollten die Abwehrspieler ihr Timing verbessern, das Nach-Vorn-Laufen verstärkt trainieren und eine etwas tischnähere Position finden. Im Übrigen erscheinen die häufig gespielten Angriffsbälle von hinten nicht mehr so wirkungsvoll, da sie durch den großen Ball sehr an Tempo verlieren und den Gegner vor keine allzu großen Probleme stellen. Daher sollte ein Abwehrspieler auch in der Lage sein, selbst nach vorn zu gehen und den aktiven Punktgewinn (wenn nötig auch mit mehreren Topspins) zu suchen. Insgesamt müssen die Abwehspieler also vielseitiger und aktiver werden: Sie müssen näher an den Tisch herankommen, um den langsamen Bällen entgegen zu gehen, und sie müssen vor allem in der Lage sein, auf die rotationsarmen Bälle, denen sie selbst keinen gefährlichen Schnitt verleihen können, mit einem eigenem Angriff zu reagieren. Wer sich nur auf die Defensive beschränkt, wird bei einem klug spielenden sicheren Angreifer nur noch wenig Chancen haben.

Wer jetzt denkt, der große Ball würde die Angriffsspieler zu sehr begünstigen, irrt: Da das verringerte Tempo des Balles nur durch einen optimalen Balltreffpunkt ausgeglichen werden kann, müssen die Angriffsspieler verstärkt ihre Beinarbeit und Beweglichkeit trainieren, um immer richtig zum Ball zu stehen. Dabei muss vor allem das Timing und die Antizipation geschult werden. Auch die Technik muss, wie bereits beschrieben, etwas umgestellt werden: weg vom schnellen Topspin aus dem Unterarm, hin zum Topspin mit vollem Körpereinsatz, um mit mehr Härte und Rotation spielen zu können.
Im Übrigen dürfte ein einziger Topspin nicht mehr zum Punktgewinn ausreichen. Wo früher (vor allem in den unteren Klassen) versucht wurde, mit einem schnellen Topspin zum Erfolg zu kommen, ist der Spieler jetzt gefordert, mit mehreren gut platzierten variablen Topspins den Punkt zu machen. Diese Fähigkeit zum Nachziehen muss nun verstärkt trainiert werden, was vor allem auch tischtennis-spezifisches Konditionstraining mit einschließt.
Im Spiel zweier Angreifer wird es zunehmend auf die Athletik und Kondition der Spieler ankommen, da beide versuchen müssen, über mehrere variable Topspins zum Punktgewinn zu kommen. Die Beinarbeit dürfte letztlich darüber entscheiden, wer den Punkt macht. Gegen Abwehrspieler muss noch überlegter agiert werden. Wer gegen einen sicheren Abwehrspieler versucht, immer mit demselben schnellen Topspin ans Ziel zu kommen, wird wahrscheinlich das Nachsehen haben, weil der Abwehrspieler mehr Zeit hat als früher und sich darauf einstellen kann. Gegen Abwehr ist Variation also gefragter denn je: überraschende Tempo- und Schnittwechsel, um den Gegner aus den Rhythmus zu bringen, sowie (besonders bei Abwehrspielern mit Noppen) harte Schüsse auf hohe Bälle, die durch einen weichen, langsamen Topspin auf die Noppen erzwungen werden.
Insgesamt wird das Spiel für die Angriffsspieler also athletischer. Sie müssen ihre Beinarbeit verbessern, um den Ball im Optimum zu treffen, und sie müssen mit mehr Kraft und Körpereinsatz spielen, um den Ball schnell mit viel Rotation spielen zu können.

Auch wenn hier von vielen Umstellungen und Veränderungen für die einzelnen Spielsysteme und Techniken die Rede war, so ist das Spiel doch alles in allem besonders in der Spitze dasselbe geblieben. Während anfangs mal die Angreifer und mal die Abwehrer beklagten, durch den neuen Ball benachteiligt worden zu sein, ist mittlerweile des öfteren zu hören, dass der große Ball nichts verändert habe, und dass das Spiel weder langsamer noch rotationsärmer geworden sei. Dies ist allerdings dadurch zu erklären, dass sich die Spieler mittlerweile alle so umgestellt haben, dass sie die Probleme, die sich durch den 40-mm-Ball ergaben, ausgleichen konnten.

3.2 "Schon der erste Ballwechsel ist Stress" - Die Auswirkungen der neuen Zählweise auf das Spiel

Am 26.04.2001 hatte die ITTF angekündigt, die neue Zählweise noch vor der neuen Aufschlagregel einzuführen, weil man die Umstellung auf die kurzen Sätze für einfacher erachtete. Zwar hielt man die Änderung der Aufschlagregel für dringlicher, doch Adham Sharara wollte den Spielern ein Übergangsjahr gewähren, da sich die Umstellung auf den neuen Aufschlag vor allem auf technischer Ebene und die Umstellung auf die neue Zählweise eher im mentalen Bereich abspielte. Damit hatte Sharara zwar Recht, doch sind zumindest Zweifel angebracht, ob eine Umstellung im Kopf in der Kürze der Zeit wirklich leichter fällt, zumal sie sich auf mehrere Bereiche erstreckte:

Zunächst einmal bedeutet eine Änderung der Zählweise eine Änderung des Maßstabs mit dem die sportliche Leistung gemessen wird. Durch die Verkürzung der Sätze um 50% (bezogen auf Sätze die 21:19 bzw. 11:9 enden) ist jeder einzelne Ball doppelt so wichtig geworden. Diese Tatsache wird durch ein Rechenbeispiel von Hermann Hammer (Verbandstrainer des BETTV) in seiner Analyse der neuen Zählweise verdeutlicht: "Der zum Sieg erforderliche Vorsprung von 2 Punkten bedeutete bei Sätzen bis 21 einen Abstand von 5%, bei Sätzen bis 11 aber von 10%."
Zwar argumentiert die ITTF, dass die Anzahl der Sätze von zwei auf drei erhöht wurde, so dass der Verlust eines einzelnen Satzes nicht mehr so schwer wiegen würde, doch wie bereits beschrieben können bei drei Gewinnsätzen bis 11 maximal 100 Punkte ausgespielt werden - 20 weniger als bei zwei Gewinnsätzen bis 21 (Verlängerungen jeweils nicht berücksichtigt).

Leichte Fehler, kleine Unkonzentriertheiten oder auch glückliche Bälle wie Netzroller und Kantenbälle spielen eine entscheidendere Rolle als bisher, da jeder Returnfehler, jeder Schupffehler und jeder Netzroller den Gegner um 10% näher an den Satzgewinn heranbringt. War ein Rückstand von 10:15 bei Sätzen bis 21 noch kein sonderliches Problem, so spricht ein 3:8 bei Sätzen bis 11 eine sehr viel deutlichere Sprache. Auch ein schlechter Start scheint kaum wieder gutzumachen (notorisch schlechte Starter dürften über die neue Zählweise wohl nicht erfreut sein).

Für die Spieler bedeutet dies in erster Linie mehr Stress, weil sie keinen Punkt mehr leichtfertig verschenken dürfen und von der ersten Sekunde an hochkonzentriert zu Werke gehen müssen. Auch das immer wieder gern gesehene "Für-die-Galerie-Spielen" bei hohen Führungen scheint nicht mehr möglich, da die Führungen nicht mehr so hoch sind und folglich schneller zunichte gemacht werden können. In der Tat scheinen die Spieler sehr viel konzentrierter und vor allem angespannter zu sein, was jedoch nicht selten in Frust und Aggressionen endet, wie Lars Hielscher beschreibt: "Ich sehe [...] mehr Emotionen, zum Beispiel, dass sich jemand richtig ärgert und auf den Tisch haut." Gerade dies ist bei den kuren Sätzen falsch. Ein Spieler, der sich beispielsweise über einen Netzroller des Gegners oder einen eigenen leichten Fehler aufregt, wird nicht selten im folgenden Ballwechsel sofort den nächsten Fehler produzieren, weil er mit den Gedanken noch beim letzten Ballwechsel war. Bei langen Sätzen war es noch eher möglich, über wenige Punkte hinweg einmal dem Frust freien Lauf zu lassen, um sich dann in Boris-Becker-Manier wieder in das Spiel hineinzukämpfen. Bei kurzen Sätzen dagegen dürfte der Satz verloren sein, wenn man für kurze Zeit abgelenkt ist. Trainer wie Hermann Hammer verweisen daher auf die erhöhte Bedeutung der Stressfestigkeit: "Man muss die eigenen Spieler darauf vorbereiten und ebenso anstreben, dass man sich durch den Ärger über die eigenen Unzulänglichkeiten oder über den Gegner nicht selbst aus dem Spiel bringt."

Aus Angst, durch leichte Fehler oder einen schlechten Start einen Satz zu verlieren, gehen einige Spieler weniger Risiko ein, um nicht durch missglückte Aktionen ins Hintertreffen zu geraten. Auch dies ist genau die falsche Lösung: In den seltensten Fällen hat bei knappen Spielständen der passivere, ängstlichere Spieler gewonnen. Es gibt keinen Grund, warum das jetzt anders sein sollte: Der Spielstand ist immer knapp. Die kurze Zählweise verlangt geradezu nach risikoreichem Spiel. Wer sich nur darauf beschränkt, keinen Fehler zu machen, wird nicht bestehen können.

Doch nicht nur im Ballwechsel, sondern auch bereits beim Aufschlag wächst die Angst, einen Fehler zu machen, wie wiederum Lars Hielscher beschreibt: "Weil jeder statt fünf nur noch zwei Aufschläge hintereinander hat, wird weniger riskiert, zum Beispiel mit einem langen Aufschlag. Die Gefahr ist zu groß, dadurch einen Punkt zu verlieren. Es ist so wichtig bei eigenem Aufschlag zu punkten, dass man inzwischen auch beim Tischtennis von einem Break spricht." Auch hier wird man umdenken müssen: Wo früher meist von Aufschlagserie zu Aufschlagserie geplant wurde, müssen jetzt Konzepte für die nächsten zwei, drei oder sogar vier Aufschlagspiele entwickelt werden. Ein Risikoaufschlag, der an vierter Stelle einer 5er-Aufschlagserie gespielt wurde, wird nun an zweiter Stelle der zweiten Aufschlagserie gespielt. Der alte Aufschlag-Rhythmus muss also durch ein Denken in Zweier-, Dreier- oder Viererblöcken ersetzt werden.

Die neue Zählweise hat jedoch auch positive Aspekte (neben den von Adham Sharara vielfach zitierten Spannungsmomenten): Außenseiter haben eine größere Siegchance. Da nun insgesamt weniger Punkte ausgespielt werden (was die weniger ausdauernden Spieler sicherlich freuen dürfte) und rein rechnerisch schon 33 Punkte zum Sieg ausreichen, ist es eher denkbar, dass ein unbekümmert aufspielender Außenseiter einen hohen Favoriten beeindrucken kann. Unter Umständen können schon ein guter Start und einige gute Bälle genügen, um einen Favoriten nervös zu machen. Problematisch ist hier jedoch, dass der Außenseiter oft in seiner Leistung einbricht, wenn er sich seiner Siegchance bewusst wird, weil er entweder "Angst vor dem Gewinnen" hat oder zu sehr darüber nachgedacht hat, dass er eigentlich nicht gewinnen kann. Aus diesem Grund rät der frühere schwedische Nationaltrainer Glenn Östh, sich verstärkt mit Mentaltraining und positivem Denken zu beschäftigen, um im entscheidenden Moment nicht einzubrechen.

Um die kleinen Unkonzentriertheiten abzustellen, sollte vor allem im mentalen Bereich wie bereits beschrieben eine hohe Stressfestigkeit angestrebt werden. Die Spieler müssen zu jeder Sekunde auf der Höhe des Geschehens sein, da Ablenkungen durch Aufregen oder Lamentieren kaum mehr kompensiert werden können. Die Aufmerksamkeit darf immer nur dem nächsten Ballwechsel gelten. Eigene Fehler müssen hingenommen werden und im Spiel ausschließlich daraufhin analysiert werden, wie man es besser machen kann.
Auch Netz- und Kantenbälle sollten nicht unbedingt als Glücksbälle hingenommen werden: Berührt ein Ball das Netz oder die Kante, hat dies nur begrenzt mit Glück zu tun. Vielmehr ist ein solcher Ball zumeist das Resultat der riskanten Spielweise des Gegners, der den Ball womöglich gezielter an die Linie oder sehr flach über das Netz zu spielen versuchte (wer immer nur versucht, die Tischmitte zu treffen, wird keinen Kantenball spielen können). Im Übrigen kann es für den eigenen Spielverlauf sehr positiv sein, wenn man einen verloren geglaubten Netz- oder Kantenball noch returnieren konnte.


Im motorischen Bereich ist vor allem eine erhöhte Sicherheit aller Schläge (auch der risikoreicheren) erforderlich, um die leichten Fehler abzustellen. Daher muss insgesamt mehr trainiert werden. Auch sollte im Training verstärkt gegen Gegner gespielt werden, die eine unorthodoxe Spielweise pflegen. Im Wettkampf bleibt wenig Zeit, sich auf solche Spieler einzustellen.

3.3 "Wohin mit dem freien Arm?" - Die Auswirkungen der neuen Aufschlag-regel auf das Spiel

Da die neue Aufschlagregel noch nicht eingeführt wurde, lassen sich bisher nur Vermutungen zu den Auswirkungen anstellen. Unbestritten ist die Änderung ein tiefer Einschnitt in das Spiel, der einige Umstellungszeit erfordert. Die Spieler haben ihre Aufschläge oft über Monate und Jahre hinaus eingeübt und verfeinert - da wird eine Umstellung schwer fallen. Zumal die Umstellung ja nicht nur dahingehend erfolgt, die Aufschläge regelkonform zu machen, sondern weiterhin auch Punkte damit zu erzielen.

Absehbar sind Probleme für die Schiedsrichter bei der Durchsetzung der Regel. Diskussionen wie "dein Arm war im Dreieck" - "Nein war er nicht" sind vor allen in den unteren Klassen zu befürchten und dann bleibt abzuwarten, wie hart die Schiedsrichter durchgreifen. Nicht nur Jörg Roßkopf befürchtet Probleme im Hinblick auf die Tatsache, dass selbst die bestehende Aufschlagregel nicht immer eingehalten wird: "Die [bisherige] Aufschlagregel wird nicht eingehalten - von den Spielern und den Schiedsrichtern nicht. Auch eine neue Regel, die auf dem Papier sinnvoll erscheint, muss man erst mal in der Praxis umsetzen. Damit wären viele Schiedsrichter überfordert. [...] Bei den Olympischen Spielen in Sydney haben viele erst mal getestet, wie weit man gehen kann [...]. Einige Schiedsrichter entscheiden bei Regelverstößen hundertprozentig hart, andere siebzigprozentig. Es ist einfach so, dass wir Spieler fast alle falsche Aufschläge machen." Wenn also die bestehende Aufschlagregel kaum eingehalten wird (in den unteren Klassen noch weniger als im Profi-Bereich), dann stellt sich die Frage, wie die neue Regel durchgesetzt werden soll. Dies kann aber erst die Praxis zeigen. Außerdem ist hier auch nicht die ITTF oder der DTTB zur Verantwortung zu ziehen, sondern in erster Linie die Spieler.

In Bezug auf die Bewegungsausführung stellt sich nun nicht nur für Richard Prause die Frage: "Wohin mit dem freien Arm?" Wurde er früher benutzt, um den Aufschlag zu verdecken, so ist er nun abgesehen vom Ballwurf "arbeitslos". Die Spieler müssen darauf achten, dass er sich während der Schlagphase nicht im besagten Dreieck befindet. Er muss also irgendwie aus der "Gefahrenzone" gebracht werden: "Man könnte ihn nach oben wegziehen [...]. Man könnte auch versuchen, ihn direkt nach dem Ballwurf nach unten weg [...] zu nehmen. Hierbei könnten dann allerdings Probleme mit der Stabilisation auftreten, da der freie Arm nicht nur zum Verdecken, sondern auch zum Halten des Gleichgewichts in der Aufschlagbewegung dient."

Die zweite Frage wird sein, in wie weit die neue Regel gebeugt werden kann und wird. Die Regel besagt, dass man den Ball nicht mit dem freien Arm oder der Schulter verdecken darf, da sich im Moment des Balltreffpunktes nichts in dem gedachten Dreieck zwischen Ball und den beiden Netzpfosten befinden darf. Sie besagt aber nicht, dass man vor dem Körper aufschlagen muss (dies wird zwar impliziert aber nicht ausdrücklich gesagt). Theoretisch ist also sogar ein Aufschlag hinter dem Körper möglich - sofern das Dreieck frei und ersichtlich bleibt. Ein weiterer Weg den Aufschlag dennoch zu verschleiern könnte sein, dass man Bewegungen antäuscht, die dann gar nicht ausgeführt werden. Man könnte verstärkt auf schnelle gegenläufige Bewegungen setzen, die zwei unterschiedliche Rotations-richtungen suggerieren oder auch zusätzliche Bewegungen einbauen, um den Gegner zu verwirren. Ist die Bewegung nur schnell genug, kann der Gegner trotz freier Sicht auf den Ball getäuscht werden, weil er in kürzester Zeit entscheiden muss, welche der beiden Bewegungen nun die echte war und an welcher Stelle der Ball getroffen wurde. Ist die Aufschlagbewegung schnell genug, liegt der Gegner vielleicht falsch und macht einen Fehler.

Da die Spieler gerade beim Aufschlag sehr innovativ sind und die Regeln auch immer wieder bis zum Äußersten beugen, darf man gespannt sein, welche Varianten mit der Zeit entwickelt werden, um den Aufschlag dennoch zu verschleiern. Für die Umstellung wird also viel experimentiert und trainiert werden müssen: Zunächst müssen die Spieler ihre bisherige Bewegung so umstellen, dass der freie Arm nicht im Dreieck ist, wobei jeder seinen eigenen Weg finden muss, was er mit besagtem Arm macht. Dadurch werden die Aufschläge sicherlich erst einmal etwas schlechter werden, weil sich jeder darauf konzentriert, regelgerecht aufzuschlagen. Wenn die neuen Bewegungen aber erst verinnerlicht sind, werden die Spieler mit großer Wahrscheinlichkeit Mittel und Wege finden, ebenso gefährlich wie bisher aufzuschlagen.

Im Übrigen sei der Einwand erlaubt, dass die Leistung, einen guten gefährlichen Aufschlag zu spielen, durch die neue Regelung nicht mehr gewürdigt wird. Offen-sichtlich sind punktebringende Aufschläge noch nicht einmal mehr erwünscht. Wenn es bei der Neuregelung des Aufschlags darum geht, die Dominanz des Aufschlägers zu schwächen, bedeutet das automatisch eine Geringschätzung ihres Spiels. Viele Spieler sehen ihren Aufschlag als ein "Kunstwerk" an. Sie bauen ihr Spiel auf ihre Stärke - den Aufschlag - auf. Ist das etwa nicht legitim?
Auch wenn man nach einem Spiel gegen einen guten Aufschläger oft Sätze wie "Der hat nur durch seine Aufschläge gewonnen" oder "Der kann ja nur Aufschläge" hört, werden gute Aufschläger genauso respektiert wie gute Topspin-Spieler. Abwertende Aussagen sind in der Regel nur das Resultat des Ärgers wegen dieser Aufschläge verloren zu haben. Aber wo bitteschön ist das Problem? Gehört das nicht sogar dazu (mitsamt dem Frust)?
Ein guter Aufschlag wird ebenso intensiv trainiert wie ein guter Vorhand-Topspin oder eine gute Beinarbeit. Die Bewegungsabläufe werden über Monate oder auch Jahre hinweg immer wieder trainiert und verfeinert. Meist verfügen gute Aufschläge über einen viel besseren Handgelenkseinsatz (der ebenfalls entsprechend trainiert werden muss). Die taktischen Verwendungsmöglichkeiten (wann, gegen wen und in welcher Situation sollte welcher Aufschlag gespielt werden) sind genau durchdacht.
Diese Trainingsleistung wird durch die neue Regel für Null und Nichtig erklärt. Sie gibt unmissverständlich zu verstehen: Der Aufschlag als punktebringender Schlag wird nicht mehr akzeptiert. Der Grund dafür ist einfach: Ein verdeckter Aufschlag ist für den Zuschauer nicht so ersichtlich wie eine spektakuläre Vorhand. Ein offensiver Rückschlag sieht besser aus als ein versteckter, verdeckter, verschleierter Aufschlag, bei dem niemand (einschließlich Gegner) sofort die Rotation erkennt. Macht das den Aufschlag als Schlagvariante aber zu einem schlechteren Schlag? Es steht jedem frei, ob er seinen Aufschlag, Rückschlag oder seinen Topspin trainiert. Mit der neuen Regel gibt die ITTF aber zu verstehen, dass die Trainingsleistung Aufschlag nicht länger anerkannt wird.

Doch wie bereits oben beschrieben, werden die Aufschläger Mittel und Wege finden, nach wie vor gefährlich zu servieren. Es bleibt fraglich, in wie weit die neue Regel in der Praxis durchsetzbar ist. Und selbst wenn die Schiedsrichter konsequent durchgreifen, werden die Aufschläge wie bereits beschrieben, durch zusätzliche Bewegungen verschleiert, so dass ein guter Aufschläger auch in Zukunft ein guter Aufschläger bleiben wird.

4. Gut für den Spitzensport, schlecht für die Basis?

Kurz nach Bekanntgabe der Änderungen ging ein Sturm der Entrüstung durch die deutsche Tischtennis-Landschaft. Nicht nur für die Profis waren diese Änderungen eine "Reise ins Ungewisse" , da Tischtennis nun ein "völlig anderes Spiel geworden" sei. Vor allem an der Basis machte sich Unmut breit, da der Weltverband "anscheinend nur den Spitzensport im Kopf" habe und die Änderungen "über die Köpfe der weitaus höheren Anzahl der Hobbyspieler hinweg entschieden" wurden. Außerdem erkannten viele Spieler entweder den Nutzen dieser Änderungen nicht ("für wen wurden diese Reformen eigentlich inszeniert?" ), erachteten die Reformen für ungeeignet, um die proklamierten Ziele zu erreichen ("Änderungen [...] werden höchstens dazu führen, dass einige Spieler mit dem Tischtennissport [...] aufhören" ) oder befanden die Ziele der ITTF generell nicht für erstrebenswert ("Dies kann eventuell gut für das Fernsehen sein, aber bestimmt nicht für die große Masse der Sportler, die in den Amateurklassen um Sieg und Punkte kämpfen" ). Während sich die Spitzensportler und -funktionäre sehr viel schneller mit den neuen Regeln arrangierten ("in drei, vier Monaten redet kein Mensch mehr darüber" ), hatten die Spieler an der Basis erheblich länger mit der Umstellung zu kämpfen, wofür Jörg Roßkopf wiederum viel Verständnis hat: "Ich lese ja auch, dass die Leute die Nase voll haben. Das kann ich auch verstehen, weil sie halt seit 30 oder 40 Jahren Tischtennis spielen und so weiterspielen wollen, wie sie es kennen."

Um zu klären, ob die eingeführten Regeln oder auch die Art ihrer Einführung die Spieler an der Basis gegenüber dem Spitzensport benachteiligten, müssen zunächst einmal die beiden Begriffe "Spitzensport" und "Basis" geklärt werden:

Der Begriff "Basis" hat seinen Ursprung in der Pyramidentheorie "mit der Basis des Breitensports bis zur krönenden Elite des Spitzensports". Diese Theorie wurde seit den 70er Jahren durch die Zweisäulentheorie verdrängt, bei der der Freizeitsport als gleichberechtigte Säule neben dem Hochleistungssport steht. Der Freizeitsport wird hierbei in mehrere Bereiche unterteilt: Breitensport, Freizeitsport, Gesundheitssport und Alternativsport. Unabhängig davon, welche Theorie für den Tischtennissport Gültigkeit hat, ist der Breitensport ein wesentliches Element beider Modelle, der wie folgt definiert wird: Unter Breitensport versteht man einen "traditionellen, in den Vereinen stattfindenden wettkampfbezogenen Betrieb von Sportarten unter vorrangigen Leistungsaspekten, aber mit Amateurcharakter auf allen, auch unteren Ebenen".

Unter Spitzensport versteht man einen "auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene betriebene[n] Wettkampfsport mit dem Ziel der absoluten Höchstleistung. [...] Hauptkriterien [...] sind Rekorde und internationale Erfolge [...]. Für den Spitzensportler wird Sport zu einer Tätigkeit, die einen wesentlichen Teil seines Tagesablaufes bestimmt, zum Arbeitsplatz auf Zeit in immer größerer Abhängigkeit von Medien und Marketing."

Bezogen auf den Tischtennissport ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal dieser beiden Definitionen, die Frage in wie weit der Sport den Tagesablauf bestimmt. Die anderen Aspekte wie Arbeitsplatz auf Zeit und Geld verdienen sind im Tischtennis nur von geringerer Bedeutung, da sich mit dieser Sportart nur in Ausnahmefällen genügend Geld verdienen lässt, um von echtem Profitum zu sprechen. Auch die besten Spieler können mit Tischtennis meist nicht so viel Geld verdienen, dass sie nach ihrer aktiven Karriere von diesem Geld zehren können.

Ausgehend von der Frage in wie weit der Sport den Tagesablauf bestimmt, erfolgt die Trennung zwischen Breiten- und Spitzensport beim Tischtennis in etwa zwischen Ober- und Verbands- bzw. Landesliga: Der Spitzensport erstreckt sich also nicht nur auf die beiden Bundesligen: Da in den Ober- und Regionalligen vielfach Jung- und Jugend- sowie Ex-Nationalspieler eingesetzt werden, für die der Sport ebenfalls einen wesentlichen Teil des Tagesablaufes bestimmt, müssen die Spieler dieser Ligen eher dem Spitzensport zugeteilt werden. Tischtennis wird hier unter den Gesichtspunkten Leistung, ständige Verbesserung und Erfolg gesehen, was ein (fast) tägliches Training über mehrere Stunden nach sich zieht.

Der Breitensport erstreckt sich von den Landes- bzw. Verbandsligen bis zu den Kreisklassen herunter. Auch wenn der Sport hier ebenfalls Wettkampfcharakter besitzt, nimmt er doch nur einen kleinen Teil im Tagesablauf der Spieler ein. Tischtennis wird hier eher unter den Gesichtspunkten Spaß, Ausgleich, Geselligkeit und Mannschaftsgefühl gesehen. Trainiert wird zumeist nur ein bis zweimal pro Woche, mitunter auch gar nicht.

Mit Blick auf die in Kapitel Drei beschriebenen Auswirkungen der Regeländerungen auf das Spiel wird deutlich, dass sich hier unterschiedliche Probleme für den Spitzen- und Breitensport ergeben müssen, weil diese beiden Gruppen unterschiedliche Voraussetzungen und Intentionen haben. Bei der Umstellung auf den großen Ball, die neue Zählweise und die neue Aufschlagregel müssen daher zwei Aspekte bedacht werden: In wie weit können sich die Spieler umstellen und in wie weit wollen sie sich umstellen. Ersteres hängt vor allem mit Art und Umfang des Trainings und der zur Verfügung stehenden Zeit zusammen, Zweiteres vor allem mit der Einsicht in Bezug auf den Nutzen dieser Änderungen. Vor allem bei der Frage, in wie weit sich die Spieler umstellen können, wurden die Aktiven der unteren Klassen auf eine harte Probe gestellt, weil die Umstellung in unterschiedlichen Bereichen erfolgte. Doch auch die Motivation zur Umstellung war in den unteren Klassen nicht sonderlich groß, da es scheinbar nur um die Belange des für sie uninteressanten Spitzensports ging.

Nachteile durch den großen Ball?
Mit der Einführung des großen Balles kam der Athletik eine größere Bedeutung zu, so dass die Spieler vor allem ihre Beinarbeit, Kraft und Ausdauer trainieren mussten, was ein intensiveres, effektiveres und umfangreicheres Training bedeutete. Zudem musste die Technik oder sogar das komplette Spielsystem etwas umgestellt werden, was den Spielern die Fähigkeit abverlangte, das eigene Spiel beurteilen und verändern zu können.
Hierbei ist zu bedenken, dass im Breitensport sehr viel weniger und vor allem auch uneffektiver trainiert wird, als im Spitzenbereich, so dass die Umstellung hier dementsprechend länger dauert.
Auch in Punkto Athletik, Ausdauer und Kraft haben die austrainierten Spitzensportler gegenüber den mitunter schwergewichtigen älteren Herren in den Kreisklassen deutliche Vorteile. Durch das regelmäßige Training fällt es ihnen darüber hinaus auch leichter, ein einmal erlangtes Niveau an Ausdauer, Kraft und Athletik zu halten.
Zudem dürften die Trainingsbedingungen die Breitensportler bei der Umstellung nicht gerade begünstigen: Im Amateurbereich wird sich nur selten ein kompetenter Trainer finden, der den Spielern seines Vereins die notwendigen Ratschläge zur Umstellung ihrer Technik oder ihres Spielsystems geben kann. Die Spieler in den unteren Klassen sind im Gegensatz zu den Spitzensportlern, die oft von einem ganzen Trainerteam betreut werden, auf sich allein gestellt. Diese Problematik hat Thomas Sadler in einem recht ironischen Leserbrief beschrieben: "Für mich als Kreisliga-Spieler waren technische Probleme [...] nie ein Thema. Nach der Video-Analyse meiner Schlagtechnik, die ich zusammen mit meinem Trainerstab durchführte, wird die Umstellung ganz bestimmt nach zwei Trainingseinheiten abgehakt sein."
Den Mangel an effektivem Training mit kompetenten Trainern müssen die Spieler in den unteren Klassen durch Experimentieren und Erfahrung ausgleichen.
Dass dies länger dauert und bei denjenigen, die die Umstellung allein nicht ganz so gut bewältigen können, zu Frust führt, dürfte klar sein.
Zudem war auch die Motivation zur Umstellung nicht uneingeschränkt vorhanden. Die ITTF hatte immer wieder erklärt, das Spiel durch den großen Ball langsamer und rotationsärmer machen zu wollen, um den Sport für das Publikum und die Medien interessanter zu machen. Da in den unteren Klassen in der Regel aber weder Publikum noch Medien vorhanden sind, ist der Nutzen für die Basis kaum ersichtlich. Das Interesse am Spitzensport ist bei den meisten Amateurspielern nicht sehr ausgeprägt (ein Großteil weiß nicht einmal, wer der aktuelle deutsche Meister ist). Die Interessen vieler Spieler beschränken sich auf das nächste Spiel und vor allem das gesellige Beisammensein danach. Ob ein Spiel zwischen Liebherr Ochsen-hausen und TTC Zugbrücke Grenzau vor mehreren Tausend Zuschauern im Fernsehen übertragen wird, interessiert nur die wenigsten.

Nachteile durch die neue Zählweise? Die neue Zählweise erforderte eine hohe Stressfestigkeit und vor allem eine große Sicherheit aller Schläge, um so die Zahl der leichten Fehler und kleinen Unkonzentriertheiten zu minimieren. Hier war also mehr Training und vor allem auch ein anderes Training, nämlich im mentalen Bereich, gefragt.

Ebenso wie schon bei der Umstellung auf den großen Ball, sind hier wiederum die Amateurspieler im Nachteil. Während die Spitzensportler durch umfangreiches Training über eine große Sicherheit in ihrem Spiel verfügen, zeichnet sich das Spiel in den unteren Klassen auf Grund des mangelhaften Trainings durch technische Unzulänglichkeiten und eine verhältnismäßig hohe Zahl an leichten Fehler aus.
Die Attraktivität des Spiels nimmt dadurch nicht gerade zu: Während Spitzenspieler wenige leichte Fehler und zahlreiche spektakuläre Punkte machen, ist es in den unteren Klassen umgekehrt: Es gibt viele leichte Fehler und wenige spektakuläre Ballwechsel. Zwar nimmt die Anzahl der attraktiven Ballwechsel bei beiden Gruppen in etwa um das Gleiche ab, doch in den unteren Klassen ist dies schwerer zu verkraften, da man schon vorher nicht mit vielen spektakulären Ballwechseln gesegnet war. Einem Jan-Ove Waldner dürfte es egal sein, ob er die Zuschauer bis 21 oder 11 mit attraktivem Tischtennis verwöhnt. Ein Spiel zwischen Meier und Müller in der Kreisliga dürfte allerdings an Attraktivität verlieren.
Auch die geforderte Stressfestigkeit stellt die Amateurspieler vor ein Problem: Nur die wenigsten Kreis- oder Bezirksklassenspieler verfügen über Erfahrungen mit mentalem Training oder Stressbewältigung im Sport. Sind im Spitzenbereich nur höchst selten einmal negative Emotionen oder gar Wutausbrüche zu vernehmen, so gehört dies bei Spielen in den unteren Klassen fast zur Tagesordnung. Spitzen-sportler können im Gegensatz zu den Amateuren meist sehr viel besser mit solchen Stresssituationen umgehen, weil sie im Laufe ihrer Karriere von ihren Trainern darauf vorbereitet wurden. Diese Erfahrungen fehlern den Breitensportlern, so dass sie dies durch eigene Erfahrung und Selbstanalyse kompensieren müssen. Dass dies wiederum länger dauert und bei denjenigen, bei denen es nicht klappt, zu Frust führt, dürfte ebenfalls klar sein.
In Bezug auf die Motivation zur Umstellung war die Situation noch schwerer als bei der Einführung des großen Balles. Die Abkehr von der Zählweise bis 21 war eine Abkehr von einer langen Tradition. Besonders älteren Spielern fiel diese Umstellung schwer, weil sie die alte Zählweise seit Jahrzehnten gewohnt waren. Zudem war auch hier kein Nutzen ersichtlich: Die Änderung war in erster Linie für den Spitzensport eingeführt worden, um das Spiel spannender und somit attraktiver für die Medien zu machen. Wie bereits geschildert, sind die Belange des Profisports für die Amateure nur von geringem Interesse, so dass der allgemeine Tenor in etwa lautete: "Der krankende Profisport bekommt neue Regeln, um ihn für die Medien interessanter zu machen, und wir, die wir überhaupt nicht ins Fernsehen wollen, müssen es ausbaden."

Nachteile durch die neue Aufschlagregel?
Die neue Aufschlagregel bedeutet ebenfalls mehr Training, weil der Aufschlag wahrscheinlich an Bedeutung verlieren wird und die Punkte auf andere Weise gemacht werden müssen. Außerdem müssen auch völlig neue Bewegungsabläufe eingeübt werden, um zukünftig regelgerecht servieren zu können.
Den Amateurspielern wird diese Umstellung schwerer fallen, weil sie einerseits weniger trainieren und andererseits beim Training auf sich allein gestellt sind. Die Umstellung wird daher in den unteren Klassen etwas länger dauern, und es werden auch hier wiederum diejenigen "auf der Strecke bleiben", die die Umstellung allein nicht bewältigen können.
Anders als bei der Einführung des großen Balles und der neuen Zählweise ist hier jedoch die Motivation eine andere. Ungeachtet dessen, dass gute Aufschläger respektiert werden, ist diese Art Punkte zu machen, doch vielen ein Dorn im Auge. Schon jetzt sind in vielen Spielen gegen gute Aufschläger Sätze zu hören wie "Ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn du diese Aufschläge nicht mehr machen darfst". Der Nutzen dieser Regel ist für jeden ersichtlich, da wahrscheinlich jeder schon einmal ein Spiel auf Grund der besseren Aufschläge des Gegners verloren hat. Von daher begrüßen besonders die schlechten Aufschläger diese Regelung. Doch auch die guten Aufschläger werden eine hohe Motivation zur Umstellung haben, da sie ihr Spiel auch weiterhin auf ihre Stärke aufbauen wollen und dementsprechend enthusiastisch trainieren werden. Da gute Aufschläge in der Regel durch Experimentieren entstehen, ist hier auch nicht zu befürchten, dass sich der Mangel an kompetenten Trainern negativ auswirken wird. Die Aufschlagexperten werden sich neue "Gemeinheiten" ausdenken.

Alles in allem wurden die Spieler in den unteren Klassen durch die neuen Regeln erheblich benachteiligt:

Durch die besseren Trainingsbedingungen sind die Profis klar im Vorteil: Sie trainieren umfangreicher, intensiver und vor allem effektiver und können die Umstellung daher sehr viel besser bewerkstelligen, als ein Kreisliga-Spieler, der entweder nur einmal pro Woche oder auch gar nicht trainiert.
Während Spitzensportler in der Regel von einem oder mehreren Trainern betreut werden, die die notwendigen Tipps parat haben, müssen sich die Amateure in Ermangelung eines solchen Ratgebers zumeist auf ihre mitunter 30- bis 40-jährige Tischtenniserfahrung verlassen (die durchaus Gold wert sein kann).
Auch die Motivation, sich auf die Änderungen einzulassen, ist eine andere: Da das Regelpaket hauptsächlich eingeführt wurde, um dem Spitzensport zu einer größeren Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu verhelfen, stehen die Spitzenspieler den Neuerungen viel positiver gegenüber. Kritische Stimmen im Profilager verstummten sehr viel schneller als im Amateurlager, wo das Interesse am Spitzensport eher gering ist.

Obwohl sich Breiten- und Spitzensportler also durch verschiedene Voraussetzungen und Intentionen unterscheiden, wird von beiden Gruppen die gleiche Leistung verlangt - sie müssen sich in ihrem eigenen Interesse innerhalb kürzester Zeit auf die neuen Gegebenheiten einstellen: Athletik, Ausdauer, Kraft, eine große Sicherheit aller Schläge, Erfahrungen im Umgang mit Stresssituationen im Sport - das alles sind Dinge, die enorm an Bedeutung gewonnen haben und die normalerweise dem Profisport zugeschrieben werden.
Natürlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn diese Elemente hervorgehoben werden - schließlich heißt es Tischtennissport. Und es soll hier auch gar nicht bestritten werden, dass die Amateure sich nicht umstellen könnten. Ihr großer Nachteil ist aber, dass sie erheblich mehr Zeit benötigen werden.

Aber auch wenn die Basis mehr Zeit benötigt - die Umstellung wird bewerkstelligt werden. Die Umstellung erstreckt sich zwar auf viele Bereiche, Tischtennis ist aber dennoch Tischtennis geblieben.
Wo momentan noch Frust herrscht, weil man Spiele gegen Gegner verliert, die man sonst immer geschlagen hat, wird schon bald die Erkenntnis stehen, dass sich dieser Spieler einfach besser mit den neuen Regeln arrangiert hat, woraus wiederum eine größere Motivation entsteht, es selbst zu versuchen.
Wo momentan vielleicht noch die nötige Einstellung fehlt, es einfach mal zu probieren, wird schon bald die Einsicht reifen, dass Erfolg an der Spitze letztlich auch der Basis zugute kommt (sei es durch ein besseres Image der Sportart oder auch durch mehr Geld vom Dachverband), und dass die Änderungen gar nicht so gravierend sind, wie allgemein befürchtet.
Im Übrigen werden sich für die Zeit, die für die Umstellung noch benötigt wird, die Probleme innerhalb der Ligen in Grenzen halten, da der Gegner mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat.

Viel ärgerlicher als der Faktor Zeit bei der Umstellung, ist die Geringschätzung, die der Basis vom Weltverband zuteil wurde: Die Art und Weise der Einführung hat unmissverständlich gezeigt, dass man bei der ITTF durchaus bereit ist, Probleme an der Basis in Kauf zu nehmen, wenn dem Spitzensport dadurch zu helfen ist.
Besonders die Einführung von Ball und Zählweise erfolgte derart überstürzt, dass Probleme an der Basis abzusehen waren. Dies schien die ITTF aber nur am Rande zu stören. Entweder war dem Weltverband bewusst, dass die zunächst kritischen Amateure bald ein Einsehen hätten (so dass man die Sache einfach "aussitzen" wollte), oder der Unmut war Adham Sharara und seinen Kollegen egal.
Gleichgültig, welche der beiden Möglichkeiten zutrifft - sie zeigt deutlich die Bedeutung, die der Weltverband dem Breitensport beimisst.

5. Schluss

Drei gravierende Änderungen in zwei Jahren, eine kurzfristige, überstürzte und planlose Einführung, schlechte Informationspolitik, unzureichende Tests, ein nicht für alle sofort ersichtlicher Nutzen, eine protestierende, sich benachteiligt und übergangen fühlende Basis, die vor große Probleme gestellt wird - mag die Intention auch stimmen, Reformen im Tischtennis hätten sicherlich besser in Gang gebracht werden können.

Doch die nächste Änderung kommt bestimmt - Gerüchten zufolge ist eine Reform des Frischklebens in Arbeit, und auch mit der jetzigen Situation im Doppel scheint Adham Sharara noch nicht ganz zufrieden.

Gelegenheit genug also, um aus den Fehlern zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen: In einem öffentlichen Aufruf (!) bat der Weltpräsident jetzt sogar um Vorschläge, wie das ständige Wechseln im Doppel zu beheben sei. Sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung...

 

Literaturverzeichnis

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  5. www.httv.de > Archiv > August 2000 > Bindemann, W.: Einführung des 40mm-Balles in Hessen; besucht am 19.01.2002
  6. www.httv.de > Archiv > Juni 2001 > Hinweise zur neuen Zählweise / HTTV-Aktuell u.a. mit Informationen zur Einführung der neuen Zählweise; beide besucht am 19.01.2002
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  8. www.tt-news.de > News Suche > Regeländerung > DTTB für sofortige Umsetzung auf allen Ebenen; und www.tt-news.de > News Suche > Aufschlagregel > WM-Special: Neue Aufschlagregel und neue Zählweise beschlossen; beide besucht am 25.01.2002


Abbildungsverzeichnis Abb. S.14: In: Nelson, R.: Neue Zeitrechnung. In: Deutscher Tischtennis Sport 5/2001, S.16/17

Göttingen, 07.08.2003

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