Reformen im Tischtennis - darum brauchen wir kleinere Mannschaften

Sollte die Mannschaftsstärke im Tischtennis reduziert werden

Hans Wilhelm Gäb sieht in seinem Artikel Darum brauchen wir neue Regeländerungen im Tischtennis 5 Problemfelder, um Tischtennis vor allem in den Medien und als Zuschauersport populärer zu machen. Meiner Meinung nach sollten wir allerdings die Reformen an der Basis der Tischtennisspieler ausrichten.

Die Notwendigkeit den Tischtennisvereinssport weiter zu reformieren wird aktuell immer dringender.

Wir stehen einer veränderten und sich weiter verändernden Vereins- und Punktspielsituation gegenüber. Die Frage ist nicht mehr, ob wir eine Veränderung wollen, sondern viel mehr, ob wir diese aktiv gestalten wollen oder auch können.

Die Punkte, die die Gesellschaft und Bevölkerung verändern und damit insbesondere den Vereinssport prägen werden, sind bekannt: „Die demografische Entwicklung in einem Land, dessen Einwohner weniger, älter, weiblicher, internationaler und in etlichen Bevölkerungsschichten ärmer werden, stellt vor allem den organisierten Fußball in Deutschland, speziell vor dem Hintergrund des geänderten Freizeitverhaltens und beruflich bedingter Wanderungsbewegungen, vor große Herausforderungen.“ wie es Theo Zwanziger (DFB-Bundestag 2007) formulierte. Hinzu kommen erschwerend sinkende Bindungen (z.B. Vereinsbindungen), eine erhöhte Flexibilität und Intensität auf dem Arbeitsmarkt hinzu.
In der Zeit von 1989 bis 2008 ist die Zahl der aktiven Tischtennisspieler laut DTTB von 820.000 auf 616.796 um ca. 25% gesunken.

Da die Spielerzahl nicht nur sinkt, sondern durchschnittlich auch älter wird, ist davon auszugehen, dass das Spielniveau im Schnitt sinkt.

Da unser Staffelsystem von oben nach unten im sogenannten Tannenbaum gefüllt wird, hat dies zur Folge, dass der einzelne Spieler, trotz nachlassender Leistung in einer höheren Klasse spielt. Damit verbunden sind weitere Fahrten, längere Punktspielzeiten und weniger Flexibilität des Einzelnen. Hinzu kommt ein größeres Gefälle unter den Paarkreuzen und eine sinkende Homogenität innerhalb der einzelnen Staffeln.
Die weiter sinkende Zahl der Spieler führt außerdem zu einer Art Beliebigkeit.

Sportliche Ergebnisse verlieren ihre Bedeutung. Abgestiegene Mannschaften dürfen erneut in der höheren Klasse starten, auch Drittplatzierte dürfen häufig genug aufsteigen, somit haben Relegationsspiele nur noch in Ausnahmefällen eine Bedeutung.

Es ist zu befürchten, dass diese Entwicklungen sich selbst verstärken. Die Situation fordert vom Einzelnen einen höheren zeitlichen Aufwand. Dies in Kombination mit der nachlassenden Bindung und den erhöhten beruflichen, familiären und gesellschaftlichen Anforderungen und einem erhöhtem und differenzierterem Freizeitangebot und -verhalten führt zu einem erhöhtem (Entscheidungs-) Druck für den einzelnen Spieler.

(Auch eine verstärkte Nachwuchsarbeit kann diesen Prozess nicht mehr umkehren, sondern höchstens verlangsamen. Denn gerade im Jugendbereich stehen wir noch gravierenden Hürden gegenüber (Thema: Ganztagsschule, G7 Abitur aber auch viel früheres Kennenlernen von Sportarten wie Fußball ab 4 Jahren, später der fast obligatorischer Ortswechsel zum und im Studium). )

Daher ist es die Aufgabe der Verantwortlichen im Tischtennis Sport sich dieser Realitäten zu stellen und Lösungen für die Breite der Tischtennisspieler zu erarbeiten und auch umzusetzen.

Die Anforderungen an den Tischtennis Sport werden vielschichtig sein, um zukunftsfähig zu bleiben. Die Vereine, die sich weiter behaupten wollen, müssen professioneller arbeiten und sich Zielgruppen orientiert spezialisieren.

Es ist in dieser Situation dringend notwendig auch über Veränderungen im Spielsystem nachzudenken, da für einen Großteil der aktiven Tischtennisspieler die Punktspielserie als der entscheidende Faktor betrachtet wird.

Ein zeitgemäßes Spielsystem im Tischtennis sollte daher folgende Ziele im Blick haben

  • bessere Leistungsdifferenzierung
  • homogene Mannschaften
  • homogene Klassen
  • zeitlich kürzer und besser planbar
  • kürzere Fahrten
  • höhere Flexibilität
  • optimales Spielzeit zu Gesamtzeit Verhältnis
  • jeder Spieler kann möglichst viele Spiele machen

Es wird immer so bleiben: je besser man ist, um so weiter muss man fahren und auch Zeit aufbringen, um in der entsprechenden Klasse zu spielen. Wenn man sich aber heute in vielen unteren Paarkreuzen umschaut, tut sich schon die Frage auf, ob eine solch weite Fahrt notwendig ist, um einen gleichwertigen Gegner zu finden.

Ein möglichst gutes Spielsystem im Tischtennis

Aus diesen Gründen ist es absolut notwendig die Spielerzahl auf maximal 4 (besser 3) zu reduzieren.
Je kleiner die Mannschaften sind, umso besser können diese differenziert werden, sind flexibler und haben kürzere Fahrten. Demgegenüber steht allerdings die Anforderung, dass die Punktspielserie noch als Mannschaftserlebnis wahrnehmbar sein sollte. Einige sind sogar der Meinung, dass dies nur zu sechst möglich sei, aber unbestritten haben z.B. 2er Teams einen deutlich anderen (anderen nicht schlechteren) Charakter.

Da dass am häufigsten genannte Argument das Mannschaftserlebnis ist, muss dieses hinfragt werden. Tischtennis ist ein Individualsport. Zu der Ausübung benötige ich keine Mannschaft. Tennis z.B. wird wesentlich stärker als Turniersport also als Individualsport wahrgenommen.

Daher gilt es auch diesen Aspekt zu berücksichtigen und einen guten Kompromiss zu finden.

Da diese Diskussion z.B. im Internet schon häufig fundamentalistisch Züge trägt, sollte man sich bei der Analyse der Fakten deutlich machen, dass es das „immer Beste“ Spielsystem nicht gibt. Das System kann nur den Notwendigkeiten der Realitäten angepasst werden. So werden heute schon in den Gliederungen des DTTB über 10 verschiedene Spielsysteme angewendet. (3er, 4er Paarkreuz, 4er Damen, 4er jeder gg. jeden je mit 2 oder 4 Doppeln, die 1. BL. spielt wieder ein anderes System). Außerdem gibt es noch sehr interessante Projekt wie z.B. das Braunschweiger System, bei dem es auch möglich ist mit 3:4 anzutreten. Hier muß allerdings hinterfragt werden, ob solch ein Systemwirrwarr für unsere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit Zielführend ist.

Das häufig genannte Argument, dass 4er Teams keine Mannschaft mehr seien, zeugt übrigens von einer gewissen Ignoranz. In der Regel wird in den unteren 2-3 Klassen der Herren im 4er System gespielt. Wer sich den Verdoppelungseffekt im Tannenbaum anschaut, wird feststellen, dass dies die größere Zahl der Mannschaften ist. Wenn der Tannenbaum in jeder Ebene gleich wäre, ist schon die unterste Stufe größer als die Summe aller Ebenen darüber.

Hinzu kommen noch alle Damen und der gesamte Nachwuchsbereich. So sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass ein großer Teil der Spieler in 4er Mannschaften spielt.
Dem Argument folgend hätte diese Zahl kein Mannschaftsgefühl. Was sicher nicht stimmt.

Aber trotzdem ist es eine sinnvolle Anregung, den Aspekt des „Gemeinschaftserlebnisses“ zu berücksichtigen.

Man kann dieses System nur von oben reformieren. Zurzeit wird lediglich versucht, es von unten zu reparieren.

Welches System vorteilhafter ist, sollte man differenziert betrachten. Sicher hätte das 4er Paarkreuz den Vorteil, dass es als System bekannt ist und von allen Beteiligten keine große Umstellung verlangt.

Welche Spielsysteme werden in anderen Ländern genutzt?

 

Helfen kann vielleicht auch der Blick über unseren Tellerrand.

In Holland wird z.B. mit 3er Mannschaften gespielt (Jeder gg. Jeden, plus Doppel), alle Spiele werden ausgespielt (man bekommt also am Spielende keine 2:0 Punkte, sondern 8:2 ist besser als 6:4). Außerdem gibt es nach jedem Halbjahr (was bei uns die Halbserie ist) Auf- und Abstieg.
In Finnland können auf Grund der großen Entfernungen zwischen den Orten keine ständigen Punktspiele regelmäßig ausgetragen werden. Man trifft sich stattdessen mehrmals im Jahr mit mehreren Mannschaften an einem Ort und absolviert mehrere Spiele an einem Wochenende.

Eine Kombination aus diesen Systemen könnte alle Seiten befriedigen und den Tischtennissport fördern.
3er Mannschaften hätten eine sehr große Flexibilität, wären deutlich homogener, die Fahrten wären kürzer, die Spiele wären wesentlich kürzer.
Ein verpflichtender „Großspieltag“ mit mehreren Mannschaften und vielleicht 2-3 Spielen pro Team in einem „gemütlichen Rahmen“ würde für Zuschauer und Spieler ein großes gesellschaftliches Erlebnis stiften.

Man muss abschließend feststellen, dass eine Reform des Spielsystems im Tischtennis nicht deswegen dringend notwendig ist, um die Auswirkungen des demographischen Wandels aufzufangen, sondern vielmehr um die Gefahren abzuwehren, die durch die fatale Kombination des demographischen Wandels mit den gesellschaftlichen Veränderungen entstehen.

Was tun die Tischtennis Verbände?

Auch in den Verbänden sind die Erkenntnisse angekommen und sie werden auch umgesetzt. Nein - nicht für die Allgemeinheit. Aber die 1. Bundesliga spielt auch kommende Saison wieder zu Dritt. Für die unteren Klassen werden Fachgruppen und Kommissionen gebildet.

Ich persönlich als leidenschaftlicher Tischtennisspieler, aber auch als Selbstständiger und Familienvater mit 2 Kindern stehe genau in diesem Dilemma. Häufig muß ich die verschiedenen Interessen unter einen Hut bringen. Die 7-8 Stunden, die ein Auswärtsspiel z.T. insgesamt dauert, sind für mich nicht mehr zeitgemäß. Ich würde die kleineren Mannschaften absolut begrüßen. Mein persönlicher Favorit wäre das System aus Holland mit 3er Teams und Auf- und Abstieg alle halbe Jahr.

Dieser Artikel ist als Auszug im Tischtennis Magazin April 2011 erschienen

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Kommentar von Reinhard Heger |

Ich spiele z.Z. in einer Mannschaft nach dem Werner-Scheffler System (4 er Mannschaft).
Innerhalb der Mannschaft sind wir (nach anfängl. Bedenken) überzeugt, dass dieses System prima ist und in allen Spielklassen umzusetzen wäre.
Es gibt genügend Spiele im Einzel -2 bis 3- und ein Doppel dazu ; und man kann mit einem Auto fahren; es ist einfacher 4 Spieler als 6 Spieler zu generieren.
Es wäre nur wünschenswert, wenn in möglichst allen Klassen das System umgesetzt wird. Stellen Sie sich vor beim Fußball würde in untersch. Klassen mit untersch. Spielerzahl und anderen Ergebnisregeln gespielt (dies ist auch ein Problem für TT -auch wenn Doppelspiele in der Spitze fehlen)

Kommentar von Herbert Neumetzler |

Ich empfände ein durchgehend einheitliches Spielsystem (4-er oder 3-er-Teams) von der Bundesliga bis zur Hobbyklasse als großen Fortschritt für unsern Tischtennissport. Diese x-verschiedenen Spielsysteme sind kaum für jemanden nachzuvollziehen-am schlimmsten sind 6-er-Mannschaften, die man ganz abschaffen sollte.

Erst danach sollte man über Dinge wie die Entschärfung des Aufschlags usw. nachdenken, um den Tischtennissport für die Allgemeinheit interessanter zu machen.

Kommentar von Michael G. |

Ich finde ebenfalls, dass 6er-Mannschaften abgeschafft werden sollten. Wir spielen meist abends ab 20 Uhr und die Spiele gehen bei ausgeglichenen Mannschaften einfach zu lange. Auch die Wartezeiten zwischen den Spielen ist zu lang.
Hier finde ich 4er-Mannschaften ideal!
Außerdem sollten die Spiele im direkten Vergleich beginnen. Also Doppel wie Einzel erst 1 gegen 1, 2 gegen 2 usw. Erst danach sollte im Paarkreuz gespielt werden.

Kommentar von André Piotrowski |

Wir sind jetzt gerade über das bei uns neu eingeführte Braunschweiger System gestolpert (vorher Werner-Scheffler). Von der Flexibilität her nicht schlecht (sogar 4 gegen 2 möglich), aber erst mal schwer gewöhnungsbedürftig. Die Spiele sind ein wenig kurz, da bei 6 bereits Feierabend ist. Dann sollte man sich vielleicht besser überlegen, alle Spiele auszutragen und die Punkte anders zu vergeben.

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