WM-Pur, Tag 1: Der Bodybuilder aus Havanna

der Kubaner Andy Pereira nach seinem ersten Sieg glücklich aber K.o. mit seinem Coach

 

Der Sportjournalist Jannik Schneider berichtet unter anderem für Deutschlands größte Sportseite spox.com live von der Tischtennis-WM in Düsseldorf. In seiner Kolumne WM-Pur berichtet er für Tischtennis Pur von seinen Erlebnissen rund um die erste Individual Heim-WM seit 1989 in Dortmund.

 

Zeig mir einen Journalisten! Einen Einzigen! Der in diesem Gewusel die komplette Übersicht behält. Denn Tag eins einer Tischtennis-WM gehört traditionell den vielen Tischtennis-Exoten in den Unweiten der Weltrangliste. 210 männliche und 155 weibliche Athleten traten 2017 in Düsseldorf in unzähligen Gruppen gegeneinander an. Nur der Gruppensieger überlebt und hat die Chance nach einer weiteren K.o.-Runde auf eine der kostbaren Hauptfeldteilnahmen. Insgesamt sind bei diesem Großereignis 106 Nationen vertreten. Der Oman, Afghanistan und Tahiti sind gar das erste Mal dabei.

Und so ging’s dann vor allem in der großen Halle zwei mit 28 Tischen bunt und vielfältig zu. Zwar wissen die Akteure dort nicht immer stilistisch voll zu überzeugen: Dafür spielen sie fast immer mit dem größtmöglichen Herz. So entstand auch auch auf dem Messegelände zu Düsseldorf ein besonderes Flair, das diesen Tag umwehte.

Nur blöd, dass ich dafür gar nicht so viel Zeit hatte. Zunächst einmal habe ich mich für einen Auftrag von den Nationalspielern Ruwen Filus und dem Dänen Jonathan Groth in aller Früh in die Trainingshalle einschmuggeln lassen, um von den Beiden das gewünschte gemeinsame Bild für einen Artikel zu ergattern. Viel länger durfte ich dann aber auch nicht bleiben und wurde freundlich aber bestimmt von der Security an den Ausgang begleitet. Einen Großteil des Tages verbrachte ich anschließend schreibend im Pressezentrum. Mein Zeitfenster, um einen tiefen Atemzug aus der Qualifikationshalle zu nehmen, limitierte sich immer mehr.

Einen Spieler wollte ich dann dennoch begleiten. Hektisch durchforstete ich dutzende Gruppen und stolperte letztlich über einen kubanischen Namen, der mir bekannt vorkam - Andy Pereira, natürlich! Von einigen Tischtennisfreaks in meinem Freundeskreis liebevoll der „Bodybuilder aus Havanna“ getauft. Nicht nur wegen seiner imposanten Statur, sondern vor allem wegen seinem extrovertierten Jubel nach erfolgreich geschaffter Olympia-Qualifikation 2016 – kann man mal so machen!

 

Montagabend

Wenn schon nur ein Spiel, dann wenigstens mit Emotionen, dachte ich mir. Doch abgehetzt in der Halle angekommen, war zunächst so gar nichts los mit diesem bulligen Kubaner. Sein Gruppenkopf aus Saudi-Arabien bereitete ihn mit jeder Menge Spinvariationen (ja, das ist mit dem Plastikball scheinbar möglich) mächtige Kopfschmerzen. Nach Satzrückstand reagierte der 27-Jährige, auf dessen Oberschenkel- und Waden Roberto Carlos wohl neidisch wäre, zwar besser und übernahm die Führung. Da war aber immer noch niente mit Emotionen. Später sollte ich den bemerkenswerten Grund dafür erfahren.

Ich jedenfalls hatte Glück. Und mit mir zahlreiche Zuschauer, die sich auf der Tribüne um Tisch 14 platziert hatten: Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, der vom Niveau zwischen zweiter und dritter Liga pendelte. Eines der besten und vor allem spannendsten  Matches des Tages, hieß es am Montaganend. Bei 2:3 in Sätzen etwa wehrte der Kubaner, nun lautstark vom eigenen Coach und einigen Nationalmannschaftskollegen angefeuert, zwar Matchbälle ab, doch er wirkte weiter fast teilnahmslos. Hatten sie etwa ein spielstarkes introvertiertes Double einfliegen lassen?.

Nein, es war genau der Pereira, der vergangenes Jahr förmlich explodierte. Jener Pereira, der heute ein 0:5 im Entscheidungssatz in einen Sieben-Satz-Erfolg ummünzte – bockstark.

So richtig freuen konnte oder wollte er sich dennoch nicht.

Ich hatte genug gesehen und fing ihn zusammen mit seinem sehr höflichen Coach ab. Klar könne ich ein Interview von ihm haben, hieß es. Also sprudelte meine Anekdote ob des in unserem Freundeskreis so beliebten Video aus mir heraus und warum ich ihn auf dem Zettel hatte.

Zum ersten Mal lachte dieses Muskepaket laut los und erklärte im guten Englisch: „Ich hatte nach Olympia im vergangenen Jahr einen schweren Motoradunfall und musste am Schlagarm operiert werden.“ Die olympischen Spiele in Rio seien sein bis dato letztes Turnier gewesen. „Denn ich habe immer noch Schmerzen, auch heute. Deshalb habe ich einfach keine Kraft, aus mir herauszugehen und hatte heute auch keinerlei Erwartungen mehr an mich.“ So komisch das klinge. Es habe den Unterschied ausgemacht.

Aufgrund der unfreiwilligen Auszeit wird der 27-Jährige in diesen Tagen nicht in der Weltrangliste geführt. Mit neuem Selbstvertrauen könnte sich das alsbald ändern. Denn der Kubaner gewann auch sein zweites Gruppenspiel, dieses Mal glatt und in meiner Abwesenheit. Zu diesem Zeitpunkt saß ich mittlerweile wieder im Pressezentrum. Mein einziger Qualfikationsiausflug hat sich dennoch definitiv gelohnt. Am heutigen Dienstag, um 14 Uhr an Tisch drei, wenn Pereira um den Gruppensieg und seinen Traum von einer dritten Hauptfeldteilnahme bei einer WM spielt, habe ich eigentlich wenig Zeit. Aber eigentlich, hat dieser bemerkenswerte Kubaner auch immer noch Schmerzen...

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