WM-Pur, Tag 5: Angekratztes chinesisches Selbstverständnis

Der Sportjournalist Jannik Schneider berichtet unter anderem für Deutschlands größte Sportseite spox.com live von der Tischtennis-WM in Düsseldorf. In seiner Kolumne WM-Pur berichtet er für Tischtennis Pur von seinen Erlebnissen rund um die erste Individual Heim-WM seit 1989 in Dortmund.

 

Der Freitag bei der Düsseldorf-WM brachte exakt zwei Überraschungen: Der ehemalige und mehrmalige chinesische Olympiasieger und Weltmeister Zhang Jike ist bereits in der dritten Runde ausgeschieden und an Tag 5 dieser Tischtennis-Weltmeisterschaft gab es doch tatsächlich eine warme Mahlzeit im Pressebereich.

Ich muss sagen, dass mich letzteres fast mehr überrascht hat. Bisher gab es lediglich belegte Brötchen gegen einen Obolus von 50 Cent. Nicht gerade die beste Grundlage für Journalisten, die hier sieben Tage die Woche bis zu 14 Stunden täglich arbeiten. Aber gut: Ich versuche meinen Freunden ohnehin schon seit Jahren zu erklären, dass Journalisten-Akkreditierungen KEINE V.I.P-Akkreditierungen sind.
Genug gejammert: Einen lesenswerten Blog rund um die Organisation gibt es hier von der geschätzten Kollegin von mytischtennis.

Das chinesische Selbstverständnis dagegen, um zum heutigen Thema zu kommen, ist derweil seit gestern Abend mehr als angekratzt. Lee Sangsu aus Südkorea besiegte Zhang Jike mit 4:1-Sätzen und sorgte damit nicht nur für den Upsert-Alarm des Tages.

 

Der Statement-Sieg des aufstrebenden Südkoreaners ist ein weiterer Indiz für kleinere und Größere Probleme im chinesischen Team. Die begannen – zumindest öffentlich – bei den Asien Games als Frauen wie Männer schmerzhafte Niederlagen einstecken mussten.

Anschließend verschwanden sie in der Heimat im Geheimtrainingslager. Drei, bis viermal Training und zwischendurch eine Scheibe Brot. Nein, gut, ganz so dramatisch wird es nicht gewesen sein. Doch wer weiß, wie wichtig dem Verband und den Trainern die Dominanz und Vorherrschaft im Tischtennis-Sport sind, kann sich vorstellen, wie intensiv das gewesen sein muss. Die Spieler selbst winken da nur lächelnd ab, wenn sie danach gefragt werden.

Apropos Trainer: Der nächste Paukenschlag erfolgte direkt am zweiten Turniertag hier in Düsseldorf, als Damen-Bundestrainer Kong Linghui nach Hause geschickt wurde wegen einer Posse um hohe Spielschulden.

Solche Unruhe hätte jedem Team in jeder Sportart dieser Welt geschadet. Die ohnehin schon hohe Anspannung und der Druck auf die Aktiven, vor allem aus der Heimat, ist dadurch bestimmt nicht weniger geworden.

Nun hat es mit Zhang Jike den ersten Spieler im Einzelbereich erwischt. Es war bei den Herren die erste Niederlage eines Chinesen gegen einen Nicht-Chinesen seit dem Ausscheiden von Cheng Qi im Viertelfinale der WM gegen Timo Boll. Der Erfolg sicherte der ehemaligen deutschen Nummer eins seine bis heute einzige WM-Medaille.

Nun ist - bei allem Respekt – Chen Qi nicht ansatzweise mit Zhang Jike zu vergleichen. Allein schon ob seiner Vita. Er war hier der absolute Publikumsliebling der zu Hunderten eingeflogenen, vornehmlich weiblichen, chinesischen Fans. Ein Fanklub hatte in den ersten Tagen gar 200 (!) Tickets gekauft, um ein überdimensional großes Banner des ehemaligen Champs aufzuhängen.

Doch bereits in der Runde zuvor bekam er gegen den unangenehmen Österreicher Robert Gardos arge Probleme, maßregelte gar seine Fans, ruhiger zu sein. Dort konnte er sich noch durchsetzen – eine Runde später war Schluss für den mittlerweile 29-Jährigen.

Ein extrem hohes Alter für einen chinesischen Nationalspieler. Die Niederlage dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Karriereende gleichkommen. Liu Guoliang, der starke Mann im chinesischen Verband hat lange zu seinem Enfant Terrible gehalten. Er wusste, wie er den extrovertierten Rechtshänder einzufangen hatte – zumindest meistens. Zumal er ja auch immer noch eine Daseins-Berechtigung hatte im Team. Die Ausscheidungsturniere in China gestaltete er erfolgreich.
Doch es hatte einen Grund, warum sich Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov bei der Auslosung für ein mögliches Viertelfinale etwa ihn gewünscht hätten. Er ist schlagbar.

Nun trifft das Duo aller Voraussicht nach auf Ma Long (Boll) und Fan Zhendong (Ovtcharov). Und die werden und müssen voll durchziehen, um die Schmach von Zhang Jike vergessen zu machen. Der gab sich gestern in der Mixed Zone wortkarg, die asiatische Presse sparte ob des teils emotionslosen Auftritts nicht mit Kritik. Einige holten gar wieder die alten Geschichten des 16-Jährigen Supertalents, das wegen Matchfixing für vier Jahre aus dem Verkehr gezogen wurde, aus den verstaubten Schubladen.

Trotz allem hat Zhang seinen Platz in den Geschichtsbüchern als Welt,- Weltcup- und Olympiasieger sicher. Das wird aber wohl niemanden mehr interessieren, wenn sich China einen nächsten Fauxpas erlauben würde.

 

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