WM-Pur, Tag 6: Livebilder? Fehlanzeige

Der Sportjournalist Jannik Schneider berichtet unter anderem für Deutschlands größte Sportseite spox.com live von der Tischtennis-WM in Düsseldorf. In seiner Kolumne WM-Pur berichtet er für Tischtennis Pur von seinen Erlebnissen rund um die erste Individual Heim-WM seit 1989 in Dortmund.

 

Crunchtime! So nennen es die US-Amerikaner, wenn es in die entscheidende Phase eines Spieles oder eines Turnieres geht. Hier entscheidet sich dann, welcher Spieler "Clutch" - also nervenstark genug ist, um sich und sein Team den Sieg und Anerkennung zu bringen.

Nun ebenen in diese Schlussphase der 54. Tischtennis-WM hier in Düsseldorf sind wir seit dem gestrigen Samstag eingebogen - und gerade die verbliebenen deutschen Akteure kämpften um ihre Chancen und waren nervenstark und oder zumindest spektakulär unterwegs.

Von der Pressetribüne aus war das nun alles einwandfreier zu verfolgen, die Tischanzahl in der Centre-Court-Halle wurde auf zwei halbiert, die Tische zentriert. Beste Sicht also von allen Lagen der 8000 Plätze fassenden Arena, deren Fans am Samstag zum ersten Mal richtig Stimmung entfachen konnten.

Das lag in erster Linie an einem mental ganz starken Timo Boll, der seine Achtelfinalpartie gegen einen der besten Europäer, Marcos Freitas, in teils engen Sätzen mit 4:1 für sich entscheiden konnte. Das Spiel in der Abendsession war genau wie die Abwehrschlacht von Ruwen Filus in der Morgensession bereits um 11 Uhr echte Werbung für den Tischtennis-Sport. Der 29-Jährige Allrounder überzeugte gegen einen der Topfavoriten, Fan Zhendong, auf ganzer Linie und verlor erst im sechsten Satz.

Timo Boll direkt nach seinem Sieg gegen Marcos Freitas auf der Tischtennisweltmeisterschaft 2017

 

Die Fans in der Messehalle in Düsseldorf waren vollends zufrieden, die Organisatore in diesem Moment auch - obwohl sie das eigentlich nicht sein durften. Keines der beiden Spiele waren in der Liveübertragung des ZDF am Samstagnachmittag live zu sehen.

Stattdesswen war in diesem Zeitfenster das Mixed-Finale angesetzt. Keine schlechte Überlegung am Vorabend, war Petrissa Solja doch mit ihrem chinesischen Doppelpartner Fang Bo ins Halbfinale eigenzogen. Und man rechnete wohl fest mit einem Finaleinzug des extra für die WM zusammengestellten Duos - wurde aber eines besseren belehrt.
 
Sie verloren knapp, der geteilte dritte Platz sicherte dem DTTB immerhin die erste Medaille. Nun wurde diese nicht sehr gute, aber ordentliche Leistung also in einer Zusammenfassung kompakt mit den Filus-Spiel für die Zuschauer in den Wohnzimmern dieser Nation aufbereitet. Livebilder der Deutschen gab es also nicht.

Unter den Journalisten wurde ob dieses Fakts im Pressezentrum diskutiert. Bis es zu der Entstehung des Zeitplans kam und kommt, müssen diverse Dinge beachtet werden. Dazu gehören auch die Wünsche der großen, asiatischen TV-Sender, die das Mixed-Finale wohl zur Primetime in ihren Ländern präsentieren wollen. Aber, so ist zu hören, haben wohl auch einzelne Spieler Einfluss auf ihre Ansetzung gehabt, je nachdem ob sie denn Abends oder Morgens preferierten.

Und so waren die Leistungen Bolls, Solijas und von Filus nur in der Zusammenfassung oder im ZDF-Stream zu verfolgen. Es scheint vom Gefühl her immer mehr in die Richtung zu gehen, dass die öffentlich-rechtlichen ihr Gewissen zur Übertragungsvielfalt dadurch beruhigen, dass sie einen Stream anbieten.

Wohin das führt haben wir bei der Handball-WM gesehen. Statt Millionen an den Bildschirmen schauten maximal Hunderttausende an den Stream zus, was zu einer zeitweiligen Störung führte. Das Fernsehen ist weiterhin ein großes Medium. Ein Massenmedium, das die Bilder zu jedem ins Wohnzimmer bringt.

Die Veranstalter haben also einen Anteil daran. Aber auch der WDR als federführender übertragender Sender. Abends lief im ZDF Champions League - geschenkt. Morgens wollte man das Programm auch nicht ändern, ok. Aber für Unverständnis meinerseits aus sorgt, dass man eine zusätzliche Liveübertragung nicht zumindest in eines der dritten Programme verlegte und das entsprechend beworb und kommunizierte. So wichtig kann das dort laufende Programm gar nicht sein.

Am Sonntag ist die nun die ARD dran: Sie haben zur besten Sendezeit um 15 Uhr die Toppartie des Tages: der Branchenprimus Ma Long gegen Deutschlands Liebling Timo Boll. Doch diese so wichtige Livewerbung für den Sport hätte man unter anderen Umständen auch am Samstag schon haben können. Dimitrij Ovtcharovs Achtel- und mögliches Viertelfinale wird wieder nur im Stream zu sehen sein. Das ist Deutschlands Nummer eins und einer sechs in der Welt unwürdig.

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